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Analyse der Forschungsliteratur

Forschungsliteratur erschliesst man durch problemorientiertes, systematisches, kurz: wis­sen­schaftliches Lesen. Das Lesen und schriftliche Zusammenfassen von Fachtexten bilden zwei Haupt­säulen der wissenschaftlichen Arbeitstechnik. Systematisches Lesen und Verar­beiten des Lesestoffes muss man lernen, üben und anwenden.

Ziele des wissenschaftlichen Lesens

  • Allgemein: Verortung und Einordnung von Wissen; Verstehen von historischen Begriffen und Zusammenhängen, Theorien und Argumentationsweisen.
  • Schriftliche Bearbeitung und Auswertung eines Textes; Bezüge zum Forschungsstand herstellen.
  • Festhalten und Verdichten der Kernaussagen eines Textes; Herausarbeiten der logischen Zusammenhänge oder von Brüchen innerhalb des gelesenen Textes. Dazu zählt das Identifizieren von Fragestellungen, wichtigen Erkenntnissen, Thesen, Definitionen sowie methodischen Hinweisen, die der Text enthält – oder eben nicht enthält.
  • Anlegen einer langfristigen, übersichtlichen und vielseitig einsetzbaren Datenbank, die jederzeit einen Zugriff unter unterschiedlichen Gesichtspunkten ermöglicht und zu einem späteren Zeitpunkt durch weitere Informationen und Hinweise ergänzt werden kann.
  • Brückenschläge zu bereits bearbeiteten Texten und zu anderen Standpunkten.

Leseinhalte erschliessen

Das folgende Vorgehen orientiert sich an der «SQ3R-Methode» (Survey, Questions, Read, Recite, Review) von Francis Robinson.1 

1 Die Methode ist kurz erläutert in Erwin Faber; Immanuel Geiss: Arbeitsbuch zum Geschichtsstudium. Einführung in die Praxis wissenschaftlicher Arbeiten, Heidelberg 1983, S. 20–22 (UTB für Wissenschaft 1170).

1. Schritt: Überblick verschaffen («Survey»)

In dieser ersten Orientierungsphase geht es darum, sich einen Überblick und damit eine Ausgangslage für die folgende Lektüre zu verschaffen. Dafür liefern Titel, Untertitel, In­halts­verzeichnis, Vorwort, Einleitung, Schlusswort und Register wichtige Hinweise. Hier erfährt man schon sehr viel über die Beweggründe und das Zielpublikum sowie die Thesen, die He­ran­gehensweise und die Argumentation eines Textes. Das Inhaltsverzeichnis sollte einen Überblick über den Aufbau und die Zielrichtung der Untersuchung geben, während die Ein­lei­tung die Fragestellung, das Erkenntnisinteresse, die Methode und allenfalls die These(n) er­örtert. Das Schlusswort wiederum liefert eine Kurzfassung der Resultate und gibt Auf­schluss darüber, ob es sich lohnt, den Text vertieft zu lesen.

2. Schritt: Fragen stellen («Questions»)

Nun werden gezielte Fragen an den Text gestellt, die eine kritische Lektüre anleiten.

Vorabklärungen

  • Was kann der Text mitteilen? Setzt er sich mit der Darstellung von historischen Ereignissen, Strukturen oder Prozessen auseinander? Oder interpretiert und deutet er sie?
  • Um welche Textart handelt es sich? Was kann von dem Text erwartet werden?
  • Wie und in welchem Umfeld ist der Text entstanden? Geben Fragen zu Motiv, Herkunft und Position des:der Autor:in, aber auch zu den wissenschaftlichen und politischen Interessen oder den persönlichen Vorlieben des:der Autor:in ebenfalls eine Leseerwartung vor?

 Während der Arbeit mit dem Text

  • Was will der:die Autor:in mit den Aussagen beweisen? In welche Debatten bringt sich der Text ein? Gegen welche anderen Positionen richtet er sich?
  • Steht die Aussage im Widerspruch zu anderen Aussagen desselben Werkes?
  • Schließt der:die Autor:in an logische und kausale Voraussetzungen an, die er:sie an anderer Stelle stillschweigend fallen lässt?
  • Wurde das zur jeweiligen Aussage angeführte Material korrekt zitiert oder paraphrasiert?
  • Belegt das angeführte Material tatsächlich die Aussage des:der Autor:in oder werden darin andere Fragestellungen behandelt?
  • Setzt sich der Text mit abweichenden Thesen der Forschungsliteratur auseinander, oder sind die Aussagen des:der Autor:in möglicherweise eine Folge der Unkenntnis anderslautender Meinungen?

Neben diesem Fragenkatalog kommen je nach Aufgabe- und Problemstellung weitere Fragen dazu. Ziel der Fragen sollten zwei Dinge sein: ein aktives und strukturiertes Lesen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Textinhalt.

3. Schritt: Lesen und inhaltliche Gliederung («Read»)

Jetzt erst beginnt die eigentliche Lesearbeit, jetzt erst wird man entscheiden, ob man den Text ganz oder nur ausschnittweise lesen soll. Und auch hier gibt es einige Tipps, wie man am besten zum Ziel – d.h. zu einer möglichst lückenlosen und problemorientierten Texter­schlies­sung – gelangt.

Textinhalt: Worum geht es?

Um den Aufbau und die Kernaussagen herauszuarbeiten, empfiehlt es sich, den Text in Sinnabschnitte oder Sinneinheiten zu unterteilen. Diesen Abschnitten teilt man möglichst prägnante Leitbegriffe zu, die den Inhalt zusammenfassen. Oft lohnt sich auch der Einsatz von (digitalen) Leuchtstiften und Unterstreichungen im Text.

Logische Gliederung des Textes: Wie wird im Text argumentiert?

«Einen Text logisch gliedern heißt also, die argumentative Funktion einer Textpassage zu kennzeichnen.»2 Mit diesen Worten umschreibt Norbert Franck den Arbeitsschritt, in dem nach der Funktion und der inhaltlichen Gliederung jedes Textabschnitts gefragt wird. Auch hier leistet ein Fragenkatalog Hilfestellung: Handelt es sich um eine These, um ein Beispiel, um die Fragestellung, um eine Behauptung, um ein Einzelresultat, um einen Ausblick, um eine Schlussfolgerung? Das entsprechende Stichwort, das die Funktion eines Abschnitts im Text umschreibt, wird neben den inhaltlichen Leitbegriffen notiert.

2 Vgl. für diesen Abschnitt Franck, Norbert: Fit fürs Studium. Erfolgreich reden, lesen, schreiben, München 201110, S. 40–43 (Zitat: S. 40).

4. Schritt: Zusammenfassung und Exzerpieren des Gelesenen («Recite»)

Die Verbindung von inhaltlicher Texterfassung und logischer Textgliederung ist die Grund­lage für eine schriftliche Zusammenfassung oder ein Exzerpt. Diese gewährleisten, dass dem:der Lesenden die Informationen und Erkenntnisse aus der Lektüre längerfristig zugäng­lich sind.

Eine Zusammenfassung gibt die wesentlichen Punkte eines Textes wieder. In kohärenter Form informiert sie über den Inhalt, die Fragestellung, die Methode oder die wichtigsten Ergebnisse des gelesenen Textes. Sehr knappe Zusammenfassungen werden als Abstracts bezeichnet.

Der Begriff Exzerpt leitet sich von dem lateinischen Verb excerpere ab, das mit herauspflücken, oder auslesen übersetzt werden kann. Wer exzerpiert, schreibt aus einem Text diejenigen Passagen heraus, die im Zentrum des eigenen Erkenntnisinteresses liegen. Im Gegensatz zu Zusammenfassungen sind Exzerpte also wörtliche oder sinngemässe Auszüge aus Texten der Forschungsliteratur. Sie müssen übersichtlich gestaltet sein und immer die Seitenangaben der über­nommenen Passagen angeben. Neben den Textpassagen enthalten Exzerpte oft auch ei­gene Gedanken oder Verbindungen zu anderen Texten. Daher muss in einem Exzerpt immer klar gekennzeichnet sein, was ein wörtliches Zitat, was Paraphrase und was eigene Gedanken sind. Zur kompletten Erschliessung eines Textes kann es hilfreich sein, ein Exzerpt anzu­ferti­gen, das sich mit dem vollständigen Text auseinandersetzt.

5. Schritt: Gesamtzusammenfassung und Rekapitulieren («Review»)

Nachdem man einen Text auf diese Weise bearbeitet hat, sollte man eine Gesamtzusammen­fassung schreiben, welche die wichtigsten Punkte enthält. Dabei geht es vor allem darum, sich die Struktur des Textes nochmals in Erinnerung zu rufen und die Erkenntnisse aus der Lektüre in eigene Worte zu fassen.