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Quellenanalyse

Informationen aus Quellen sind oft bruchstückhaft und verstreut, sie sind selten eindeutig und nie ohne Vorbehalt zu übernehmen. Deshalb sollte man bei der Quellenanalyse, also der eige­nen Arbeit mit den Quellen

  • sich stets bewusst sein, dass Quellen nicht von selbst sprechen, sondern wissenschaftlich befragt werden müssen.
  • die Forschungsliteratur konsequent in die Analyse miteinbeziehen.
  • klare Aussagen formulieren und dabei transparent machen, wie plausibel die jeweilige Aussage ist.
  • verschiedene Deutungsmöglichkeiten diskutieren und offene Fragen ausdrücklich benennen.

Die Quellenanalyse umfasst die Quellenkritik und die Quelleninterpretation. Sie ist zentral für die Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellung und damit elementarer Bestandteil historischen Arbeitens.

Bei der Quellenkritik geht es vor allem um Beschaffenheit, Herkunft und Authentizität der Quelle. Stets muss man sich fragen, was von der vorliegenden Quelle zu erwarten ist und was nicht. Fragen danach, wer, was, wann, wo, zu welchem Zweck und mit welchem Effekt fest­gehalten hat, zeigen die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen einer Quelle auf.

Die Quelleninterpretation hingegen hat zum Ziel, den Aussagebereich der Quelle einzugren­zen (d.h. ihren Aussage- und Informationswert festzustellen) und anhand der Quelle gegen­wärtige wissenschaftliche Fragestellungen an die Vergangenheit zu beantworten (Bestim­mung des Erkenntniswertes).

Die theoretische Trennung von Quellenkritik und Quelleninterpretation lässt sich bei der praktischen Arbeit nur bedingt aufrechterhalten. In die Quellenkritik fliessen immer schon Ele­mente der Interpretation ein, und umgekehrt ergeben sich bei der Interpretation häufig neue Gesichtspunkte für die Quellenkritik.

Die in den folgenden zwei Unterkapiteln vorgestellten Arbeitsschritte sind elementar, müssen aber in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht schematisch angewendet werden. Wie die Quel­lenanalyse im konkreten Einzelfall auszusehen hat, hängt letztlich von der Fragestellung, der Methodenwahl und den Zugangsmöglichkeiten zu Quellen und Literatur ab.

Quellenkritik

Quellenkritik bedeutet nicht, den «Wahrheitsgehalt» von Quellen kritisch zu hinterfragen, sondern ihr Aussagepotenzial für die eigene Forschungsfrage einzuschätzen. Wie und warum kann die Quelle zur Beantwortung einer Forschungsfrage dienen? Und wo sind ihre Grenzen? Um dies herauszufinden, gilt es folgende Punkte zu berücksichtigen:

Datierung, Entstehungsort, Urheber:innen, Adressat:innen

Ist bekannt, wer die Quelle wann, wo und für wen verfasst hat? Dieses Wissen hilft, den Inhalt der Quelle zu kontextualisieren.

Art der Quelle

Handelt es sich beispielsweise um eine Chronik, eine Urkunde oder eine Gerichtsakte – um ein Pressebild, eine Kunstphotographie oder ein Propagandaphoto? Diese Informationen können darüber Auskunft geben, wie die Quelle von Zeitgenoss:innen rezipiert wurde – oder zumindest darüber, wie sie den Urheber:innen zufolge hätte rezipiert werden sollen.

Nutzung

Wie wurde die Quelle im Verlauf der Jahre genutzt? Eine Quelle ist nicht nur das Produkt der Intention der Verfasser:innen, sondern kann im Laufe der Zeit ganz unterschiedlich verwendet werden.

Beschaffenheit

Aus welchen Materialien besteht die Quelle? Wie wurde sie hergestellt? Die Produktion von Texten, Bildern oder Tönen hängt immer von den zeitgenössischen Möglichkeiten ab. Die Materialität einer Quelle beeinflusst somit ihren Inhalt und ihre Verbreitungsmöglichkeiten.

Erhaltungszustand

Wie ist der Zustand der Quelle? Eventuelle Beschädigungen und Restaurierungen sagen etwas über die Geschichte der Quelle aus.

Überlieferung

Gibt es das Original noch oder muss mit einer Kopie gearbeitet werden? Wie kam diese Kopie zustande? Solches Wissen ist wichtig, um die «Glaubwürdigkeit» der Quelle im Hinblick auf die eigene Fragestellung einzuschätzen.

Überlieferungsgeschichte

Wie kommt es, dass die Quelle heute noch vorliegt? Wer die Quelle warum für aufbewahrungswürdig hielt, wie stark beabsichtigt die Überlieferung war, aber auch wo Lücken in der Überlieferung anderer möglicher Quellen bestehen könnten, sind Faktoren, die unser Geschichtsbild maßgeblich beeinflussen.

In der Quellenkritik geht es nicht darum, sämtliche bekannten Informationen über die Quelle aufzuzählen. Die Angaben erfüllen stets einen wissenschaftlichen Zweck: Sie helfen zu verste­hen, wie die Quelle gedeutet werden muss und dienen dazu, die Abhängigkeit der eigenen Erkenntnisse von der Quellenlage transparent zu machen. Je nach Forschungsfrage und Quel­lenlage können also die unterschiedlichsten Faktoren von Bedeutung sein.

Insbesondere für handschriftliche Quellen der Alten Geschichte und der Geschichte des Mit­telalters wird die Quellenkritik teilweise unterteilt in die Quellenbeschreibung und die Text­sicherung (auch «äussere» und «innere» Kritik). In der Quellenbeschreibung geht es vor allem um die Bestimmung der Quellengattung, die Überlieferung, die Überlieferungsgeschichte, den Erhaltungszustand und die technischen Merkmale. Da beispielsweise literarische Texte aus dem Altertum oder dem Mittelalter im Verlauf der Jahrhunderte sehr oft abgeschrieben und modifiziert wurden, kann es hier besonders relevant sein, die Veränderungen im Laufe der Zeit nachzuverfolgen. In der «äusseren» Kritik geht es darum, durch Wissen über Entste­hungszeit, Entstehungsort, Verfasser:in, Empfänger:in, das Vergleichen von Handschriften und dazu verwendeter Materialien möglichst nah an die erste Version des Textes zu gelangen. Durch «innere» Kritik wird die «Echtheitsfrage» aufgrund deren inhaltlicher Plausibilität be­stimmt. Kommen beispielsweise in einem Text Ereignisse oder Deutungsmuster vor, die für eine Zeit untypisch sind, liegt der Schluss nahe, dass sie möglicherweise erst bei einer späteren Abschrift ins Werk kamen. Im Zusammenhang mit der «inneren Kritik» kann auch nach der Absicht des:der Autor:in gefragt werden.

Quelleninterpretation

Bei der Quelleninterpretation geht es darum, wissenschaftliche Aussagen aus den Quellen zu ziehen und damit die eigene Fragestellung zu beantworten. Dies geschieht in drei Schritten, die allerdings nicht immer gleich ausführlich vollzogen werden können: Inhaltsanalyse, Ein­grenzung des Aussagebereichs und Bestimmung des Erkenntniswertes.

Inhaltsanalyse

Vor der eigentlichen Interpretation (Auswertung) einer Quelle empfiehlt es sich, eine Inhalts­angabe zu verfassen. Diese soll die Fragen wer, was, wann, wozu, wie und womit beantwor­ten, gegebenenfalls eine Übersetzung der Quelle liefern sowie auf den Aufbau und die Schwerpunkte der Quellen eingehen. Um den Inhalt einer Quelle «aufzuschlüsseln», muss oft auf verschiedene Hilfsmittel wie Editionen, Übersetzungen, Kommentare und Wörterbücher zurückgegriffen werden.

Eingrenzung des Aussagebereichs

Im Zusammenspiel mit den Fragen der Quellenkritik gilt es danach, den Aussage- oder Infor­mationswert der Quelle für die eigene Fragestellung – und damit für die aktuelle Forschung – einzugrenzen und zu benennen. Dabei muss die Quelle auch mit anderen Quellen und ein­schlägiger Forschungsliteratur in Bezug gesetzt werden.

Bestimmungen des Erkenntniswertes

Ist der Aussagebereich eingegrenzt, kann man die Quelle zur Beantwortung der Fragestellung heranziehen. Nun zeigt sich, ob beziehungsweise inwieweit die Quelle Antworten auf die Fra­gestellung liefern kann oder – in der Fachterminologie – welchen Erkenntniswert die Quelle im Hinblick auf die Fragestellung aufweist. Wenn sich herausstellt, dass man die Quellen für die vorgesehene Fragestellung nur bedingt verwenden kann, ist es legitim, die Fragestellung anzupassen. Der Erkenntniswert von Quellen kann sich also auch auf die Fragestellung aus­wirken.

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