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Quellenrecherche

Weil alles zur Quelle werden kann, gibt es eine Vielzahl von Orten, an denen Quellen aufbe­wahrt werden. Die Bandbreite reicht von Bibliotheken, Archiven, Sammlungen und Museen bis hin zur eigenen Familie und dem Internet.

Aufbewahrungsorte von Quellen: Kritische Editionen

Im Geschichtsstudium kommen Studierende häufig mit Quellensammlungen in Berührung, die nach wissenschaftlichen Standards in Form von kritischen Editionen publiziert wurden. Kritische Editionen geben nicht nur den Text einer Quelle wieder, sondern berücksichtigen auch ihre Überlieferung. In vielen Fällen beinhalten sie neben dem philologischen Kommen­tar, der zum Beispiel verschiedene Textvarianten angibt, auch einen Sachkommentar, der An­gaben zu Personen, Begriffen oder dem historischen Kontext liefert. Altsprachliche Editionen enthalten manchmal auch neusprachliche Übersetzungen, deren Qualität sich jedoch von Fall zu Fall stark unterscheiden kann.

Neben den klassischen gedruckten Editionen haben sich inzwischen auch digitale Editionen etabliert. Hier muss allerdings beachtet werden, dass sich die Formate digitaler Editionen schnell weiterentwickeln und es bereits Onlineeditionen gibt, die nicht mehr dem neusten Stand der Editionsform entsprechen.1

1 Als Beispiel für eine ältere digitale Edition kann die Edition des Bullinger-Briefwechsels, als Beispiel einer neueren digitalen Editionsreihe die «Mitteldeutschen Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges» angeführt werden.

Aufbewahrungsorte von Quellen: Archive

Archive sind Einrichtungen, in denen Originalquellen aufbewahrt, erschlossen und vermittelt werden. Erfüllten Archive bis ins 19. Jahrhundert hinein vornehmlich die Aufgabe, diejenigen Unterlagen zu sammeln, die eine Institution für ihre Aktivitäten brauchte, sind sie heute Ein­richtungen, welche die Verwaltung entlasten und nicht mehr laufend benötigte Schrift-, Bild- oder Tongüter einer bestimmten Institution, einer Körperschaft, eines Vereins oder auch von Familien und Privatpersonen aufbewahren. Archive erfassen, erschliessen und erhalten dieses Archivgut und machen es (in der Regel) zugänglich. Sie unterstützen damit die wissenschaft­liche Forschung und übernehmen einen Dienst für die Öffentlichkeit. Hierbei gilt es zu beach­ten, dass der Zugang zu öffentlichen Archiven rechtlich geregelt ist. Das heisst, dass in man­chen Fällen Schutzfristen bestehen oder bestimmte Akten aufgrund des Persönlichkeitsschut­zes nicht freigegeben werden dürfen. Zudem können Privatarchive frei entscheiden, ob und wem sie Zugang zu welchem Archivgut gewähren. Mit diesen Hindernissen sehen sich vor allem Forschende konfrontiert, die sich mit der neuesten Geschichte befassen.

Suchstrategien im Archiv

Wie bei der Recherche von Forschungsliteratur gibt es auch bei der Recherche im Archiv kei­nen Königsweg2. Die folgenden Suchstrategien können jedoch helfen, einen Archivbesuch zu strukturieren.

a)  Fragen zur Vorbereitung des Archivbesuchs

Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Archivrecherche ist die vorgängige Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand und der Quellenlage. Vor jedem Gang ins Archiv muss man sich überlegen, welche Informationen zum angedachten Thema man benötigt und welche dieser Informationen bereits in der Forschungsliteratur aufgearbeitet worden sind. Ebenso muss man sich vergegenwärtigen, welche im Archiv aufbewahrten Quellen helfen können, das eigene Forschungsvorhaben umzusetzen.

Danach muss man herausfinden, welches Archiv bei dem gewählten Thema überhaupt wei­terhelfen kann. Das heisst konkret: Welches Archiv bewahrt die Quellen auf, die man für das Forschungsvorhaben benötigt? Über die Bestände und Sammlungsschwerpunkte geben Ar­chive meist auf ihren Webseiten Auskunft. Wie die Suche nach Forschungsliteratur folgt auch die Suche im Archiv einem zirkulären Prozess. Obwohl die Vorbereitung von Archivbesuchen wichtig ist, finden sich manche Fragestellungen deshalb erst im Archiv.

Je nach Forschungsvorhaben kann sich auch der Besuch in einem ausländischen Archiv loh­nen. Dass Quellen zur aussereuropäischen Geschichte nicht zwingend in aussereuropäischen Archiven zu finden sind, zeigt die folgende Liste von Findmitteln zur afrikanischen Ge­schichte:

Internationaler Archivrat (Hg.): Quellen zur Geschichte Afrikas südlich der Sahara in den Archiven der Bundesrepublik Deutschland, Zug 1970 (Guide des sources de l'histoire des nations. B: Guide des sources de l'histoire de l'Afrique 1).

Internationaler Archivrat (Hg.): Sources de l'histoire de l'Afrique au sud du Sahara dans les archives et bibliothèques françaises, 3 Bde., Zug 1971–1976 (Guide des sources de l'histoire des nations. B: Guide des sources de l'histoire de l'Afrique 3–4 [Reg]).

Giglio, Carlo; Lodolino, Elio (Hg.): Guida delle fonti per la storia dell'Africa a Sud del Sahara esistenti in Italia, 2 Bde., Zug 1973–1974 (Guide to the Sources of the History of the Nation. B, Africa 5–6).

Pásztor, Lajos (Hg.): Guida delle fonti per la storia dell'Africa a sud del Sahara negli archivi della Santa Sede e negli archivi ecclesiastici d'Italia, Zug 1983 (Guide des sources de l’histoire de l‘Afrique 7).

b) Konkrete Planung des Archivbesuchs

Als nächstes muss der konkrete Archivbesuch geplant werden. Am besten informiert man sich auf der Webseite des Archivs über die Öffnungszeiten, die Benutzungsbestimmungen und die verfügbaren Arbeitsplätze. Auch kann es hilfreich sein, sich über die Möglichkeiten der Re­produktion des Archivguts zu informieren. Das heisst beispielsweise, dass man in Erfahrung bringt, ob es erlaubt ist, die Quellen zu kopieren oder zu photographieren, oder ob die benö­tigten Quellen vielleicht sogar schon digitalisiert worden sind.

Bei Fragen, welche die Internetrecherche nicht beantworten konnte, kann es sich lohnen, die Personen anzuschreiben, die im Archiv für den zu erforschenden Themenbereich zuständig sind. Diese Personen haben den Überblick über das Material und können abschätzen, ob das angepeilte Forschungsvorhaben mit den im Archiv befindlichen Beständen umgesetzt werden kann.

Eine Archivrecherche erfordert meist einen gewissen Zeitaufwand, den man für seine Planun­gen einrechnen sollte. Auch bei kleineren Recherchen ist es deshalb geboten, mehrere Archiv­tage zu planen.

c)  Vorgehen im Archiv

In den meisten Archiven ist es möglich (und auch notwendig), dass man das benötigte Archiv­gut vor dem Besuch bestellt und bereitstellen lässt. Daneben kann man sich im Archiv selbst einen Überblick über die Findmittel und die eventuell hilfreichen Nachschlagewerke vor Ort verschaffen.

Wenn man mit dem Archivgut arbeitet, sollte man immer überlegen, ob man eine Transkrip­tion der Quelle braucht oder ob es auch reicht, Zusammenfassungen oder Exzerpte anzuferti­gen. Oft ist es erlaubt, Unterlagen zu photographieren oder Kopien herstellen zu lassen. Dies bietet sich vor allem bei grösseren Quellenbeständen an und ermöglicht es, die Reproduktio­nen ausserhalb des Archivs genauer zu untersuchen.

Das Durcharbeiten des Archivguts verlangt meist Kombinationsgabe und Glück. Von vo­rübergehenden Phasen, in denen man nicht das Erhoffte findet, sollte man sich nicht entmuti­gen lassen.

2 Vgl. zum Einstieg auch Historisches Seminar der Universität Zürich: Tatort Archiv. Einem Gotteslästerer auf der Spur. Ein Film über die Arbeit mit Quellen im Archiv, in: Lehrstuhl Prof. Dr. Francisca Loetz, Historisches Seminar der UZH, März 2016, <https://www.hist.uzh.ch/de/fachbereiche/neuzeit/lehrstuehle/loetz.html> [Stand: 27.11.2025].

Glossar der wichtigsten Begriffe zum Archiv

Akte

Sammelbegriff für eine archivierte Einheit von Dokumenten.

Archivgut              

Sammelbezeichnung für den Bestand eines Archivs. Darunter fallen sämtliche von Institutionen hervorgebrachte Unterlagen, die von einem bestimmten Archiv für «archivwürdig» erachtet werden.

Findmittel

Oberbegriff für das Verzeichnis des Bestandes von erschlossenem Archivgut. Sie geben Aufschluss über die Geschichte des Bestandes und bieten ein Inhaltsverzeichnis dieses Bestandes mit Klassifikation.

Inventar

Verzeichnis eines Besitzstands (etwa in Form eines Findbuches).

Kassation

Vernichtung von als nicht archivwürdig eingeschätzten Unterlagen.

Mikrofilm

Aufgerollter Film, der eine Abbildung von Archivgut enthält. Aus konservatorischen Gründen stellen Archive und Bibliotheken manche Unterlagen nur als Mikrofilm zur Verfügung. Dieser kann mittels eines in der jeweiligen Institution bereitgestellten Lesegeräts eingesehen werden.

Paläographie

Handschriftenkunde. Historische Hilfswissenschaft für die Entzifferung von alten Handschriften. Onlineplattformen wie Ad Fontes bieten Unterstützung und Tutorien für den Aufbau paläographischer Kenntnisse.

Pertinenzprinzip

Archivgut wird nach Thematik/Dokumententyp geordnet.

Provenienzprinzip

Archivgut wird nach der historisch gewachsenen Entstehung und Überlieferung geordnet. Konkret bedeutet dies, dass die Bestände des Archivs nach der Reihenfolge ihres Eingangs geordnet werden. Die meisten Archive orientieren sich an diesem System.

Archivtypen

Über die Webseite Archives Online kann das Archivgut zahlreicher Schweizer Archive online recherchiert werden. Einen Überblick über die historischen Wirtschaftsarchive in der Schweiz und Liechtenstein bietet zudem die Webseite arCHeco.

Staatliche Archive

Gemeinde- und Staatsarchive

Die Schweizer Gemeinde- und Staatsarchive erschliessen und konservieren das Archivgut der öffentlichen Organe der jeweiligen Gemeinde oder des jeweiligen Kantons und von deren Rechtsvorgängern. In der Stadt und im Kanton Zürich sind dies das Stadtarchiv Zürich und das Staatsarchiv Zürich.

Oft verfügen diese Archive auch über Bestände privater Herkunft (in Zürich etwa von Zünften oder von lokalen Firmen und Familien). Gemeinde- und Staatsarchive sind in aller Regel öf­fentlich und für alle Interessierten im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zugänglich.

Schweizerisches Bundesarchiv

Das in Bern angesiedelte Bundesarchiv sichert, erschliesst und vermittelt die archivwürdigen Unterlagen des Bundes. Es sichert also die Dokumentation staatlichen Handelns in der Schweiz und macht diese zugänglich. Die Bestände des Archivs können online oder vor Ort recherchiert werden.

Privatarchive

Privatarchive sind Archive von Privatpersonen, Unternehmen oder Organisationen, deren Be­stände sich häufig aus Nachlässen zusammensetzen. Der Zugang zu Privatarchiven ist oft ein­geschränkt.

Beispiele für Privatarchive

Konzernarchiv der Georg Fischer AG

Archiv des Industrieunternehmens Georg Fischer mit Sitz in Schaffhausen. Die Bestände dokumentieren die Überlieferung des Unternehmens seit der Gründung, einen Teil des Nachlasses der Gründerfamilie und Bestände diverser Tochtergesellschaften und übernommener Unternehmen.

UNO Archives (Genf)

Das Archiv der Vereinten Nationen in Genf umfasst neben den archivwürdigen Unterlagen der UNO diejenigen des Völkerbunds, und internationaler Friedensbewegungen sowie private Papiere.

Spezialarchive

Spezialarchive sammeln Material zu einem bestimmten Sachgebiet oder aus einem spezifi­schen thematischen Kontext.

Beispiele für thematisch-orientierte Spezialarchive

Archiv der Gosteli-Stiftung

Das Archiv sammelt Quellen zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung und der Schweizer Frauen seit dem späten 19. Jahrhundert. Die Bestände umfassen schriftliche Dokumente, Photographien, Filme, Dias und elektronische Datenträger.

Archiv für Agrargeschichte

Die Forschungsinstitution in Bern ist ein internationales Zentrum der Archivierung und Geschichtsschreibung zur ländlichen Gesellschaft. Als virtuelles Archiv macht es die erschlossenen Archivbestände in der Regel online zugänglich.

Archiv für Medizingeschichte

Zürcher Forschungsinstitution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Unterlagen und Sammlungen mit medizinhistorischem Inhalt zu verwahren und zugänglich zu machen.

Archiv für Zeitgeschichte der ETH
Zürich

Das Archiv für Zeitgeschichte sammelt Schrift-, Ton- und Bilddokumente aus privatem Besitz zur Geschichte der Schweiz vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Sammlungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Politik, Wirtschaft sowie in der Geschichte der Menschen jüdischen Glaubens in der Schweiz.

Schweizerisches
Sozialarchiv

Das Sozialarchiv mit Sitz in Zürich sammelt Körperschaftsarchive traditioneller und neuer sozialer Bewegungen sowie private Dokumente von Aktivist:innen solcher Bewegungen.

Hochschularchive

Hochschularchive verwahren das Schriftgut der Universitätsleitung und -verwaltung, der Fa­kultäten und Institute sowie der studentischen Gremien. In manchen Fällen finden sich im Archivgut auch die Nachlässe von Professor:innen der jeweiligen Institutionen oder von an­deren Wissenschaftler:innen.

Beispiele für Hochschularchive in der Stadt Zürich

Archive der ETH-Bibliothek

Das Bildarchiv verwaltet, erschliesst und vermittelt die Sammlung der photographischen und audiovisuellen Dokumente der ETH-Bibliothek. Das Hochschularchiv sichert, erschliesst und vermittelt Unterlagen der ETH Zürich, des ETH-Rates sowie Privatarchive von Wissenschaftlern und Gesellschaften, die eng mit der ETH Zürich verbunden sind.

UZH Archiv

Das UZH Archiv ist das Endarchiv sämtlicher Behörden der Universität Zürich seit 1998 (ältere Verwaltungsakten finden sich im Staatsarchiv Zürich). Diese Bestände werden ergänzt durch Unterlagen von universitären Vereinen sowie privater Herkunft, insbesondere durch Vor- und Nachlässe von Professor:innen.