Anpassung und Widerstand: Der Nordkaukasus in der Geschichte Russlands

Dieses Habilitationsprojekt zeichnet die noch kaum erforschte Geschichte des Nordkaukasus und seiner Völker nach dem Ende der militärischen Eroberung durch das zaristische Russland ab den 1860er Jahren bis zur Tragödie der Deportation der Tschetschenen, Inguschen und anderer Nordkaukasusvölker im Zweiten Weltkrieg während der Sowjetherrschaft nach. Die Arbeit orientiert sich an drei Fragesträngen: Erstens interessiert, wie die jeweiligen Machthaber ihr Staatsbildungsprojekt im Nordkaukasus verstanden und mit welchen Mitteln sie ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen suchten. Zweitens geht dieses Projekt der Frage nach, wie die nichtrussischen Gesellschaften des Nordkaukasus – und wie einzelne Menschen – die von aussen herangetragenen Herrschaftskonzepte begriffen und wie sie auf die staatliche Politik reagierten – mit Widerstand oder Kooperationsbereitschaft? Drittens sucht dieses Forschungsvorhaben zu erklären, welche neuen Identitäten und Loyalitäten sich als Folge der Wechselwirkung zwischen staatlicher Politik und gesellschaftlicher Reaktion im Zeitraum zwischen 1864 und 1944 herausbildeten.

Ein Anliegen dieses Projekts ist es, einzelne zentrale Ereignisse und Abläufe der Geschichte, etwa die Zeit von Revolution und Bürgerkrieg 1917-1920 oder die grossflächigen Aufstände während der Totalkollektivierung 1929/1930, aufgrund neuer Archivmaterialen zu rekonstruieren, um nicht zuletzt den bis heute kursierenden Halbwahrheiten und Mythen in der Geschichtsschreibung begegnen zu können. Daneben sucht diese Arbeit das Thema Widerstand und Anpassung als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen auch durch das Nachzeichnen von konkreten Einzelschicksalen fassbar zu machen. Erst am Beispiel des Einzelschicksals wird klar, dass die Gründe, die einen Menschen zu bestimmten Handlungen veranlassen konnten, immer komplex und abhängig von den spezifischen Lebensumständen waren. Die Ergänzung der Makrobeschreibung um die Mikroperspektive ist nötig, um den Weg aus den eindimensionalen Betrachtungsweisen zu finden, welche in der Historiographie dominieren.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Entwicklung in den von Tschetschenen bewohnten, nordöstlichen Teilen des Nordkaukasus. Die Volksgemeinschaften der Tschetschenen, die relativ homogen siedelten, bildeten nicht nur das grösste nichtrussische muslimische Volk im Nordkaukasus. Ihre Gebiete gehörten auch zu jenen Teilen des Nordkaukasus, aus denen über die gesamte Zeitspanne hinweg besonders häufig Unruhen und Aufstände vermeldet wurden. Ausgehend vom Blick auf Tschetschenien ist es ein Anliegen dieser Arbeit, den Vergleich zu den Entwicklungen in anderen nichtrussisch besiedelten Gebieten des Nordkaukasus zu ziehen, um so die Besonderheiten des tschetschenischen Falls, aber auch die Gemeinsamkeiten mit den gesamtregionalen Entwicklungen zu verstehen.