Videoessays Russifizierung

Russifizierung? Imperiales Erbe und Sprachgebrauch im post-sowjetischen Raum

BA-Kolloquium: Produkton von Video-Essays,Frühlingssemester 2010, Dienstag 10-12 Uhr

 
kazan
Strassenschild in Kazanʹ (Tatarstan): russischer Name in kyrillischem und in "tatarisch"-lateinischer Transliteration (Juni 2016): die Grosse Rote (Schöne) Strasse ist eine der ältesten Strassen der tatarischen Hauptstadt (zum Wikipedia-Artikel der Strasse)
Kazan
Dieselbe Strasse ist an anderer Stelle mit zweisprachigem Strassenschild benannt, wo der russische Name auf tatarisch übersetzt, aber in kyrillischem Alphabat wiedergegeben wird (oben). Die beiden Strassenschilder wiederspiegel damit unterschiedliche sprachliche Anpassungsstrategien

Veranstaltungsinhalt:

Videos bieten für die Wissenschaftsvermittlung grossartige Möglichkeiten, weisen aber auch Fallstricke auf. Um praktische Erfahrungen mit diesem Medium zu sammeln werden wir die Produktion von Video-Essays als Leistungsnachweis erproben. Zahlreiche online verfügbare Videos (TV-Aufzeichnungen, Vlogs, Privatvideos mit dem Handy, Musikvideos etc.) dokumentieren den Sprachgebrauch im heutigen postsowjetischen Raum. Sie zeigen, in welchen geographischen, lokalen, sozialen Kontexten heute – auch ausserhalb Russlands – Russisch gesprochen wird und wo lokale Sprachen dominieren – von Estland bis Tadschikistan, von der Moldau über den Kaukasus bis Sibirien. Wir fragen danach, wie die heutige postimperiale Sprachverteilung historisch entstanden ist. Wo und in welchen Situationen ist Russisch heute noch lingua franca? Welche Faktoren (religiös, sozial, wirtschaftlich, politisch) beeinflussten die Verbreitung des Russischen? In welchen Kontexten und Milieus war Russisch stärker verbreitet, wo weniger? Wie stark wurde «Russifizierung» von oben betrieben und welche Rolle spielte spontane Anpassung ans russischsprachige Umfeld – etwa wegen sozialer Aufstiegschancen? Ist «Russifizierung» überhaupt ein wissenschaftlich sinnvolles Analysekonzept?

Jerevan Batumi
Nachtzug von Jerevan (Armenien) nach Batumi (Georgien) - beschriftet in armenisch und russisch (Juni 2015). Die armenische Eisenbahngesellschaft befindet sich im Besitz der russischen Eisenbahngesellschaft. Russisch ist im Grenzüberschreitenden Verkehr zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken nach wie vor lingua franca. Das in anderen Weltregionen omnipräsente Englisch spielt zumindest in diesem Kontext (vorerst?) nur eine geringe Rolle

Wir nähern uns diesen Fragen anhand von Fallbeispielen, für die die Ausgangsvideos als Quellen dienen. Ausgehend davon recherchieren wir jeweils die historischen Zusammenhänge und betten die Ausgangsvideos mithilfe von Quellenauszüge, Karten, Statistiken, Animationen etc. in einen grösseren Kontext ein. Ziel ist es, aus den Ausgangsvideos und Zusatzmaterial Video-Essays (eine Art kurze Dokumentarfilme) zu realisieren und dabei auch auf medienspezifische Besonderheiten des Erzählens mit Videos aufmerksam zu werden. Inwiefern eignen sich Videos zur Wissenschaftsvermittlung, was gilt es dabei zu beachten und welches sind Risiken? Nicht zuletzt soll die eigene Arbeit mit Videos das medienkritische Bewusstsein schärfen.

Besondere Vorausserzungen: keine. Weder Russischkenntnisse noch Erfahrung mit Videobearbeitung werden erwartet (sind aber, falls vorhanden, sehr willkommen, genauso wie weitere Sprachen des postsowjetischen Raumes). Fachliche Unterstützung ist vorhanden, ein Austausch mit externen Fachleuten in Workshops geplant.

Darbinjan Achalkalaki
Dreisprachiges Strassenschild in drei unterschiedlichen Alphabeten: Georgisch, Armenisch und Russisch - Darbinjan-Strasse in Achalkalaki (Georgien, Juni 2015). In der überwiegend von Armeniern besiedelten Stadt in Georgien sind Russisch und der lokale Dialekt des Armenischen Verkehrssprachen; siehe Manana Kock Kobaidze: Mother tongue and language use in Armenian and Russian schools in Georgia. In: Lund University, Dept. of Linguistics Working Papers 48 (2001), 149–162, hier S. 4-6