Historisches Seminar – Byzantinistik

Byzantinistik - eine interdisziplinäre Herausforderung nicht nur für Historiker

Von PD Dr. Paul Meinrad Strässle

Byzanz ist in seinen Erscheinungsformen und Institutionen mehrheitlich ein Kulturraum des europäischen Mittelalters - speziell mediterraner Prägung. Dabei treten die Eigenheiten seiner Randlage mit den Grenzen zu anders gearteten Ethnien und Kulturkreisen sowie die stärkeren Bindungen zur Alten Welt als charakteristische Unterschiede gegenüber anderen Kulturen des christlichen Mittelalters markant zutage. Wer sich mit Byzanz auseinandersetzt, geht einen herausforderungsreichen Weg der Vergangenheitsaufdeckung, um letztlich auch die Gegenwart in Teilen Osteuropas, speziell im Balkanraum, besser zu verstehen.

                                         
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Abb. 1: Der von Christus gekrönte Kaiser Basileios II. (976-1025) mit Heiligen und die von ihm besiegten Bulgaren in der Haltung der Proskynese (Titelbild eines zeitgenössischen Psalters, Biblioteca Marciana, Venedig)


Byzanz - ein historisches und kulturelles Phänomen

Die Begriffe Byzanz und Byzantinistik (fallweise auch Byzantinologie) gehen auf den Namen der griechischen Stadt Byzantion auf der europäischen Seite des thrakischen Bosporus zurück, die um 660 v. Chr. von griechischen Kolonisten aus Megara gegründet wurde. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte diese polis jedoch erst, als Kaiser Konstantin I. (324-337) in der klaren Erkenntnis des politischen, militärischen und wirtschaftlichen Übergewichtes der östlichen Hälfte des Imperium Romanum die alte Siedlung zur neuen Metropole des Reiches erhob. Von der Grundsteinlegung (324) der Stadt bis zu ihrem Fall (1453) war Konstantinoupolis unveränderter politischer, geistiger, kirchlicher und wirtschaftlicher Mittelpunkt eines Reiches von wechselnder geographischer Ausdehnung. Von diesem Zentrum abhängig waren die Kontinuität und die Erhaltung des gesamten Staates. Keiner anderen Stadt des Mittelalters kam eine ähnliche Position zu, weder Paris noch London, schon weil es Städte waren, die mit der historischen Entwicklung und Bedeutung ihrer Umgebung wuchsen, während Konstantinopel fast von Anfang an als neuer Mittelpunkt eines bereits bestehenden Staates geschaffen wurde. Konstantinopel war nach dem Kölner Byzantinisten Peter Schreiner das Byzantinische Reich in nuce. Da viele Erscheinungen des byzantinischen Lebens nur in Konstantinopel nachweisbar sind, ist von der gelehrten Nachwelt (von Gräzisten und Humanisten in Italien und Deutschland) mit Recht der antike Name dieser Stadt - Byzantion/Byzanz - zur Bezeichnung eines ganzen Reiches, einer ganzen Kultur geworden. Kein mittelalterlicher Staat war auf Dauer so eng mit einem Ort verbunden wie dieses Reich, vergleichbar nur mit dem alten Römischen Reich und seinem Mittelpunkt Rom, als dessen Nachfolger Byzanz sich betrachtete: to kratos ton Rhomaion - das Reich der Rhomäer.

Mit Byzanz sind sämtliche Lebensbereiche Ostroms vom 4./6. Jh. (Periodisierungsproblem Spätantike/Byzanz) bis 1453 innerhalb eines allmählich schrumpfenden Territoriums gemeint. Die geographische Lage des Reiches zwischen Europa und Asien bedingte seine historische Bedeutung. Byzanz war auf der einen Seite zum Mittelmeer hin orientiert, dessen östlicher Teil lange Zeit ausschliesslich von den Byzantinern beherrscht wurde, es war zugleich aber auch ein Festlandstaat, der als Hauptteile Kleinasien und die Balkanhalbinsel umfasste, beide untereinander und mit dem Mittelmeer durch das Schwarze Meer verbunden. Daher ist byzantinische Geschichte in allen Bereichen auch eine Geschichte der Mittelmeerwelt. Zum engeren Lebensraum gehörten die Balkanhalbinsel, die Adria, das Jonische Meer und die Ägäis, der Grossraum Konstantinopel, das Marmarameer und das Schwarze Meer, Kleinasien und Armenien. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass in frühbyzantinischer Zeit neben den bedeutenden Ostprovinzen auch Nordafrika, Italien und ein Teil Spaniens zum Reich zählten, und dass auch der mittelbyzantinische Staat (Beginn 7. Jh.-1204) im Zeitalter seiner grössten Ausdehnung vom Fluss Araxes in Armenien bis zur Südspitze Italiens und von der Krim bis Syrien reichte sowie Donau und Save die Nordgrenze bildeten. In Anbetracht der politisch, religiös und kulturell verschiedenen Nachbarschaften erheischen gerade auch die Wechselbeziehungen zwischen dem maritim geprägten Weltreich und den angrenzenden Kulturkreisen die besondere Aufmerksamkeit des Byzantinisten.

Zum Phänomen Byzanz gehört seine lange Existenz aus der Antike bis in die Mitte des 15. Jh.s, obwohl es, weit stärker als westliche Staaten, immer aufs Neue lebensbedrohenden feindlichen Angriffen ausgesetzt war. Es überstand diese Stürme nicht nur dank seiner wirtschaftlichen Regenerationsfähigkeit, sondern auch durch eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten und die Überlegenheit einer traditionsreichen Diplomatie. Byzanz blieb über tausend Jahre der konstante Faktor einer sich ständig wandelnden Mittelmeerwelt, Verbindungsglied zwischen dem islamischen Orient, den slawischen Völkern und den romanischen Anliegerstaaten des Mittelmeeres. Trotz seiner ungebrochenen Kaisertradition von Augustus über Konstantin den Grossen bis zum letzten byzantinischen Herrscher, Konstantin XI., war das Rhomäerreich kein verdorrter Rest der Alten Welt. Vielmehr hat es eine Entwicklung durchgemacht und war, bei vielfach gleichen Bezeichnungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung, im 15. Jh. etwas ganz anderes als im 4. Jh. Aus diesem Grunde muss die Beschäftigung mit Byzanz eine Gesamtschau aller kulturhistorischen Faktoren beinhalten.

                      
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Abb. 2: Karte: Das Byzantinische Reich, 9.-13. Jh. (Ducellier, 1990, S. 13)


Byzantinistik - eine interdisziplinäre Wissenschaft

Die Byzantinistik ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit allen Erscheinungsformen des Lebens des Byzantinischen Reiches auseinandersetzt und zu diesem Zweck auch in enger Wechselbeziehung zu einer Reihe verwandter oder benachbarter Wissenschaftsgebiete steht. Sie berücksichtigt die historische Disziplin genauso wie die philologisch-literarische und die kunsthistorisch-archäologische, weshalb sie am ehesten als Kulturwissenschaft zu charakterisieren ist. Als verhältnismässig junge Universitätsdisziplin (seit 1896, München) bedient sich die Byzantinistik der von der Geschichtswissenschaft (besonders der Mediävistik), der klassischen Philologie und der Kunstgeschichte entwickelten Methoden, im Bereich der volkssprachlichen Literatur auch derjenigen der neueren fremdsprachlichen Philologien. Gerade die methodische und inhaltliche Vielfalt des Faches führte zu einer Verselbständigung des historischen und philologischen Bereiches. Vor allem aber entwickelte sich die byzantinische Kunstgeschichte zu einer eigenen Disziplin mit einer speziellen Methodik und kann eher als Teil der allgemeinen Kunstgeschichte denn der Byzantinistik betrachtet werden. Dennoch lassen sich die Phänomene der byzantinischen Welt nur in einer Zusammenschau von Geschichte, Philologie und Kunst erfassen. Gelegentlich wird die Byzantinistik auch in einer höheren Synthese als Teilgebiet der Hellenistik (oder Hellenologie), der Wissenschaft des griechischen Kulturkreises, aufgefasst, ohne dass dadurch an der Eigenständigkeit der historischen, philologischen und kunsthistorischen Gesamtdisziplin gerührt wird.

Die Struktur der Byzantinistik ist durch eine organische Verbindung von einzelnen Teilgebieten gekennzeichnet. Zunächst ist die Byzantinistik eine eminent historische Wissenschaft, insofern sie eine vergangene Epoche in all ihren geschichtlichen und kulturellen Äusserungen analysiert, ihre Strukturverwandlungen verfolgt und ihre Nachwirkungen auf spätere Zeiten und benachbarte Kulturkreise erklärt. Neben den aussenpolitischen Entwicklungen sind als zentrale Themen zu nennen: Kaiser und Verwaltung, Bevölkerung, Gesellschaft und Wirtschaft, orthodoxe Kirche, Theologie und Mönchtum, Kultur- und Geistesleben. Dem Studium der Quellen der historischen Ereignisse und der geschichtlich-kulturellen Phänomene widmen sich spezielle Disziplinen. Die literarischen Quellen und ganz besonders deren Sprache selbst sind Gegenstand der Literaturgeschichte und der Philologie. Was letztere betrifft, ist es nicht nur die griechische Sprache, die die Byzantiner von ihren antiken Vorfahren erbten, sondern auch das Latein, das in frühbyzantinischer Zeit als Literatur-, Rechts-, Verwaltungs- und Militärsprache eine Rolle spielte. In Anbetracht der im Neugriechischen vorhandenen Diglossie von Hochsprache (katharevusa) und Volkssprache (demotike) hat die byzantinische Philologie sowohl die hochsprachlich literarischen Quellen zu erforschen als auch der Entwicklung der byzantinischen Gemeinsprache nachzugehen, aus der sich die neugriechische Volkssprache entwickelt hat. Durch die Begegnung von Byzanz mit anderen Kulturen kam es ausser zum Austausch von Literaturzeugnissen auch zu einer gegenseitigen sprachlichen Befruchtung. Davon zeugen die slawischen und östlichen (arabischen u. a.) Sprachen genauso wie die romanischen, welchletztere in der Zeit der Kreuzzüge als bestimmende Faktoren (Lehnwörter, Impulse für die byzantinische Volkssprache u. a.) hinzukamen. Auch wenn der einzelne Byzantinist all diese Sprachen nicht beherrschen kann, so muss er doch zumindest um ihre Querverbindungen wissen. Zu den Hauptleistungen der Philologie gehört zweifellos auch die zuverlässige Edition von Texten. Doch die Druckkosten griechischer Texte, die geringe Zahl an Gelehrten, die überhaupt befähigt sind, Editionen fertigzustellen, und die wissenschaftlichen Anforderungen, denen eine moderne Ausgabe genügen muss, erklären die langsamen Fortschritte auf diesem Felde. Die byzantinische Literaturgeschichte befasst sich mit den Produkten bewusster, künstlerischer Gestaltung von Sprachdenkmälern. Dabei wird der Literaturbegriff analog zum antiken nicht bloss auf die Belletristik, sondern auch auf das gesamte wissenschaftliche Schrifttum (wie Hagiographie, Philosophie, Theologie, Rechts- und Staatswissenschaft, Philologie, Rhetorik, Mathematik, Naturwissenschaften, angewandte Wissenschaften, Medizin) ausgedehnt. Ausserdem ist neben der lateinischen Sprache auch die Übersetzungsliteratur aus orientalischen und slawischen Sprachen bzw. umgekehrt zu beachten.

Die Byzantinistik kennt eine Reihe von Hilfs- und Grundwissenschaften. Jede byzantinistische Tätigkeit setzt Kenntnisse in der Paläographie (Handschriftenkunde) voraus, da in vielen Bereichen wirkliche Fortschritte nur auf der Basis neuer oder revidierter Texte möglich sind. Ausser der Geschichte der griechischen Schrift in byzantinischer Zeit bietet auch die Kodikologie (Buchkunde) wertvollste Erkenntnisse, die wiederum der allgemeinen Kultur- und Geistesgeschichte zugute kommen. Während sich die Diplomatik mit den Urkunden befasst, ermöglicht die Disziplin der Chronologie zuverlässige Datierungen. Die byzantinische Papyrologie analysiert den materiellen Überlieferungsträger von Schriften und bietet dadurch nicht nur Einblick in die Überlieferungsgeschichte der Texte, sondern trägt auch zur Kenntnis des rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens des Rhomäerreiches bei. Die byzantinische Numismatik studiert unter Anwendung chemisch-physikalischer Verfahren die reichen Münzfunde und das Geldwesen, während sich die Sigillographie (Sphragistik) mit dessen Blei-, Gold- und Silberbullen befasst. Das Hauptproblem bei den über 60'000 vorhandenen Siegeln liegt in deren Datierung, die allein ein Siegel als historisches Hilfsmittel vor allem für die prosopographische Forschung und für eine Darstellung der mittelbyzantinischen Verwaltungsgeschichte brauchbar macht. Die methodisch und vom Material her noch in den Anfängen stehende byzantinische Epigraphik beschäftigt sich mit den aus byzantinischer Epoche überlieferten Inschriften.ptproblem bei den über 60'000 vorhandenen Siegeln liegt in deren Datierung, die allein ein Siegel als historisches Hilfsmittel vor allem für die prosopographische Forschung und für eine Darstellung der mittelbyzantinischen Verwaltungsgeschichte brauchbar macht. Die methodisch und vom Material her noch in den Anfängen stehende byzantinische Epigraphik beschäftigt sich mit den aus byzantinischer Epoche überlieferten Inschriften.

Neben diesen klassischen Grundwissenschaften sind auch die historische Geographie und die Ethnographie für die Geschichte und die Genesis des Vielvölkerstaates von grosser Bedeutung. Ebenso sind die Bereiche der Kunst und der materiellen Kultur ins Arbeitsfeld des Byzantinisten einzubeziehen. Der byzantinische Kunsthistoriker hat sich mit der Entwicklung der Architektur und Plastik, der Malerei und Buchmalerei, der Mosaikkunst, der Elfenbein- und Metallarbeit, der Email- und Textilkunst sowie der Verarbeitung von Glas und Keramik zu beschäftigen. Neben klassischen Traditionen sind hier orientalische und ägyptische Einflüsse ebenso zu beachten, wie es die Einwirkungen der byzantinischen Kunst auf andere Kulturen (den gräkoslawischen Kulturkreis und das mittelalterliche Abendland) zu untersuchen gilt. Dies setzt eine Vertrautheit mit der allgemeinen Kunstgeschichte unabdingbar voraus. Im Gegensatz zur Kunstgeschichte steht die byzantinische Archäologie (in methodischer Fortführung der klassischen und frühchristlichen Archäologie) erst noch in den Anfängen (wenige systematische Arbeiten). Die byzantinische Musikgeschichte entwickelt sich in enger Verbindung zu liturgischen und hymnologischen Forschungen.

Spezielle Fachdisziplinen (wie Mathematik, Astronomie und Medizin) werden zwar im Rahmen der Literaturgeschichte behandelt, doch ist ein Eindringen in die jeweilige Problematik nur Fachleuten mit entsprechenden Vorkenntnissen möglich, wie dies gerade die systematische Erforschung im Bereich der Jurisprudenz und das Studium von Traktaten zur Militärwissenschaft beweisen. Dadurch, dass in jüngster Zeit in der Byzantinistik naturwissenschaftliche Methoden sozusagen als Hilfswissenschaft herangezogen werden - wie die Anthropologie, um den homo byzantinus in der Realität zu analysieren, oder die Paläobotanik, um Vegetationsformen in Byzanz zu erkennen -, zeichnen sich auch neue Ergebnisse ab. Abgesehen von den Naturwissenschaften tritt aber auch die Mentalitätsforschung immer mehr in den Mittelpunkt.

 

Byzantinistik und benachbarte Wissenschaften

Um den byzantinischen Einfluss auf andere Völker, mit denen das Rhomäerreich in Kontakt kam, zu erforschen, steht die Byzantinistik in enger Beziehung zu anderen Wissenschaften. Klassische Philologie und Alte Geschichte haben die Spätantike als Studienobjekt mit der Byzantinistik gemeinsam. Ausserdem lag die Überlieferung der literarischen Werke der griechischen Antike fast ganz in den Händen der Byzantiner. Die Kenntnis der römischen Welt ist unerlässlich, weil neben dem Griechentum und dem Christentum das römische Staatswesen zu den Pfeilern des byzantinischen Staates zählte. Da die Neugriechen viele Elemente ihrer Kultur von Byzanz geerbt haben, ist auch die Neogräzistik ein eng benachbartes Fach. Sachlich und traditionell begründet sind die Zusammenhänge mit der Slawistik, waren doch Slawen Bewohner byzantinischen Reichsbodens und übten Einfluss auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung aus; war doch umgekehrt Byzanz von grundlegendem Einfluss auf die ost- und südslawischen Völker gewesen. Gerade die Schaffung des gräkoslawischen Kulturkreises zählt zu den welthistorisch bedeutsamsten Leistungen byzantinischer Kultur.

Die Bedeutung der orientalischen (christlichen und muslimischen) Völker im Leben der Byzantiner wirkt sich nicht entsprechend in der Forschung aus. Zum einen sind viele griechisch-patristische, aber auch weltliche Schriften nur im Syrischen, Georgischen und Armenischen, im Arabischen, Koptischen und Äthiopischen erhalten, zum anderen gibt es bloss wenige Forscher, die in der Orientalistik und gleichzeitig der Byzantinistik Bescheid wissen. Da das Leben der Byzantiner in ihren breiten Schichten ganz vom Christentum bestimmt war, kommt der Kenntnis der christlichen Literatur eine besondere Bedeutung zu. Ihr widmet sich die Patristik (Patrologie) als selbständiger Forschungszweig. Durch die Belebung des ökumenischen Gedankens wird die byzantinische Theologie stärker im Rahmen der gesamten ostkirchlichen Entwicklung gesehen, die Gegenstand der Ostkirchenkunde ist.

Unter den historischen Nachbardisziplinen sei neben der Alten Geschichte auch die Mittelalterliche Geschichte genannt. Hier ist eine Zusammenarbeit von Byzantinistik und Mediävistik unerlässlich. Die Geschichte und die Philologien des Abendlandes werden noch mehr Querverbindungen zu Byzanz aufzudecken haben. Die ältere, europazentristische Geschichtsauffassung, die das Römische Imperium, das Karolingerreich, das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" und die modernen Nationalstaaten in den Mittelpunkt stellte, ist überwunden. Das neue Geschichtsbild kennt ein Nebeneinander der grossen Kulturwelten von Byzanz, der islamischen Welt und des Abendlandes; innerhalb dieses Komplexes war Byzanz durch lange Zeit kulturell und zivilisatorisch überlegen. In der Südosteuropaforschung stellt die byzantinische Geschichte schon von den historischen Gegebenheiten her einen festen Bestandteil dar, insofern diese Länder teilweise auf byzantinischem Territorium entstanden. Hier gilt es, neben den Gemeinsamkeiten auch die Unterschiede und die nationalen Eigenheiten hervorzuheben. Der steten Konfrontation mit der islamischen Welt entspricht eine gewichtigere Rolle der Islamwissenschaften im Bereich der Byzantinistik. Untersuchungen zu den byzantinisch-islamischen Beziehungen beruhen überwiegend auf dem von den Philologen erschlossenen Material und sind ohne entsprechende Sprachkenntnisse kaum durchführbar. Einen Sonderfall stellen die Beziehungen von Byzanz zu den Osmanen dar (Osmanistik), beruhen doch unsere Kenntnisse zum grössten Teil auf byzantinischen und westlichen Quellen. Noch weitgehend unerforscht sind die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen dem Rhomäerreich und dem nichtislamischen Osten, wofür Kontakte zur Iranistik, Armenologie und kaukasischen Geschichte nötig sind. Erfreulicherweise sind in den letzten Jahren auch verschiedene Berührungspunkte zwischen Byzanz und China aufgedeckt worden.

 

Byzanzforschung - eine historische Rückblende

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Byzanz erwuchs in der italienischen Renaissance aus den von byzantinischen Gelehrten angeregten Studien zum klassischen Altertum. Die byzantinische Literatur aber besass damals noch kaum Eigenwert und stand auch in späteren Jahrhunderten immer im Schatten antiker Autoren. Durch sein Interesse an beiden Literaturen stellt der Humanist Hieronymus Wolf (1516-1580) eine frühe Ausnahme dar, und er kann mit Recht als "Vater der deutschen Byzantinistik" bezeichnet werden. Die Auseinandersetzung mit den Türken und die Bemühungen um eine Verständigung mit der Ostkirche förderten im 16. Jh. auch die byzantinistischen Studien. Neben ersten Editionen byzantinischer Autoren entstanden auch zahlreiche theologische Werke. Allerdings fehlte noch jegliche Systematik, um die gewaltige Masse des schriftlich überlieferten Materials zu ordnen. Dies geschah erst seit Mitte des 17. Jh.s in Frankreich, zunächst durch das "Corpus der byzantinischen Historiker". Mit epochalen historischen, topographischen und philologischen Einzelforschungen wurde Charles Dufresne DuCange (1610-1688) eigentlicher Begründer der Byzantinistik. In dieser Zeit schufen aber andere Wissenschaftler auch die Grundlagen der Diplomatik und der Paläographie. In Brüssel übernahm 1630 Jean Bolland die Ausgabe der Acta Sanctorum, die auch die Heiligen der Ostkirche miteinbezog und bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die Zeit der Aufklärung (18. Jh.) sah in Byzanz überwiegend das Phänomen des Verfalls (Ch. Lebeau und Ed. Gibbon), wodurch die Beschäftigung mit dieser Kultur für lange Zeit negativ beeinflusst wurde. Auf der von Klassizismus und Neohellenismus geschaffenen Basis, aber auch aus Begeisterung für das Griechenland der Freiheitskämpfer wurden die byzantinistischen Studien im 19. Jh. wieder belebt. B. G. Niebuhr begründete 1828 das Bonner Corpus der byzantinischen Geschichtsschreiber, welches erst seit drei Jahrzehnten durch das Corpus Fontium Historiae Byzantinae (CFHB) ersetzt wird. Nach wie vor nützlich ist die (wenn auch philologisch problematische) Sammlung der frühchristlichen (patristischen) und byzantinischen theologischen Literatur in den 162 Bänden der Patrologia Graeca des J. P. Migne (1800-1875). Gegen Ende des 19. Jh.s entstanden in Deutschland, Frankreich und Russland Zentren byzantinischer Forschung.

Für Deutschland ist Karl Krumbacher (1856-1909) zu nennen, der nicht nur die nichttheologischen Schriften systematisch aufarbeitete, sondern auch das (heute als Bibliographie unumgängliche) Fachorgan "Byzantinische Zeitschrift" (1892) und ein Institut an der Universität München (1896/97) gründete. Dadurch wurde die neue Disziplin im Wissenschaftsbetrieb als selbständiges Fach verankert, das in seiner universitären Organisation auch für andere Länder vorbildlich wurde. Den von Krumbacher gelegten philologisch-literarischen Schwerpunkt behielt das Münchner Institut im 20. Jh. unter A. Heisenberg bei. F. Dölger hat durch seine universale Betrachtungsweise, seine Arbeiten zur Chronologie der Kaisergeschichte und zur Diplomatik wesentliche Grundlagen für die Byzantinistik als historische Disziplin geschaffen. Sein Nachfolger H.-G. Beck machte nicht nur die theologische Literatur zugänglich, sondern schlug durch seine Arbeiten zur Verfassungs- und Literaturgeschichte des Rhomäer Reiches auch neue Wege ein. Das Münchner Institut wurde aber dank den Forschungen von K. Wessel und seiner Nachfolger auch zu einem Zentrum der frühchristlichen und byzantinischen Kunstgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Deutschland weitere byzantinistische Zentren, so in Köln, Münster, Berlin, Hamburg, Bonn, Mainz, Bochum, Würzburg und Leipzig.

In der kulturgeschichtlich ausgerichteten Byzantinistik in Frankreich ragen Ch. Diehl und G. Schlumberger (der die Numismatik und die Sigillographie in die Forschung miteinbezog), G. Millet (als Begründer der byzantinischen Kunstgeschichte), André Grabar und P. Lemerle (der in seinen Arbeiten philologische, historische und archäologische Methoden verband), ebenso H. Ahrweiler und G. Dagron besonders hervor.

Die byzantinistische Forschung in Russland, die von V. G. Vasiljevskij (1838-1899) und F. I. Uspenskij (1845-1928) begründet wurde, widmete sich besonders den slawisch-russischen Beziehungen, darüber hinaus aber auch wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Themen. Diese Richtung hat auf der marxistischen Grundlage auch die sowjetische Byzantinistik übernommen. Die von N. P. Kondakov begründete kunsthistorisch-archäologische Forschung wurde von V. N. Lazarev und M. V. Alpatov weitergeführt. In den letzten Jahrzehnten ist der Schwarzmeerraum zu einem speziellen Forschungsobjekt von S. P. Karpov geworden. Der russischen Schule verpflichtet ist auch G. Ostrogorsky (1901-1976), dessen Werk "Geschichte des Byzantinischen Staates" das heute vorherrschende politische Byzanzbild massgeblich geprägt hat.

Auch in England liegen die Anfänge der Byzantinistik im 19. Jh. (J. B. Bury). Durch besondere Arbeiten hervorgetreten ist im 20. Jh. neben A. J. Toynbee mit seiner Monographie zur Zeit Kaiser Konstantins VII. auch St. Runciman, der eine Kreuzzugsgeschichte aus byzantinischer Sicht schrieb. Eine besondere Bedeutung kommt wegen seiner interdisziplinären Studien dem Centre for Byzantine, Ottoman and Modern Greek Studies der Universität Birmingham zu. Die italienische Byzantinistik mit ihren Exponenten S. G. Mercati (1877-1963) und A. Pertusi (1918-1979) ist immer der klassischen Philologie verbunden geblieben und widmet sich vorwiegend der Edition und Interpretation von Texten. In Wien besteht das von H. Hunger (1914-2000) gegründete Zentrum der Byzantinistik mit den Schwerpunkten historische Geographie, Kodikologie, Prosopographie und Realienkunde.

In Südosteuropa, genauer in jenen Ländern, die auf dem Territorium des ehemaligen Byzantinischen Reiches entstanden, ist die Byzantinistik eng mit der jeweiligen nationalen Kultur verbunden. Dies betrifft Griechenland (D. Zakythenos, J. Karayannopulos, N. Oikonomides, E. K. Chrysos) und Serbien (G. Ostrogorsky, B. Ferjancic, L. Maksimovic, V. J. Djuric). In Bulgarien setzte I. Dujcev (1907-1987) die von V. Zlatarski (1866-1935) begründete, vorwiegend historisch ausgerichtete Byzantinistik fort. Sein Erbe wurde dem seit 1988 bestehenden Ivan-Dujcev-Forschungszentrum anvertraut. Doch auch in Kunstgeschichte und Archäologie leistet Bulgarien wesentliche Beiträge zur Byzantinistik. In Rumänien, dessen Bedeutung als Bewahrer der byzantinischen Kultur erst nach dem Fall Konstantinopels einsetzte, widmet man sich seit N. Jorga (1871-1940) vorwiegend dem Problem von "Byzance après Byzance". Unter allen "Nachfolgestaaten" des Byzantinischen Reiches steht in der Forschung nur die Türkei abseits, da eine Auseinandersetzung mit dem byzantinischen Erbe noch kaum begonnen hat.

In den Vereinigten Staaten, wo der Russe A. A. Vasiliev die Byzantinistik aufgebaut hat, ist das Forschungszentrum von Dumbarton Oaks in Washington zum Mittelpunkt einer nationalen und internationalen Byzantinistik geworden, wo vorwiegend Gelehrte aus Europa wie K. Weitzmann, F. Dvornik und I. Sevcenko forschten. Der nachhaltigste Beitrag der amerikanischen Byzantinistik liegt neben der archäologisch-kunsthistorischen Forschung in ihrem interdisziplinären Forschungsansatz.

An einzelnen Stätten werden Spezialstudien gepflegt, so etwa an der Dänischen Akademie der Wissenschaften die Edition byzantinischer und slawisch-orthodoxer Musikschriften und am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte in Frankfurt (D. Simon) die Erforschung der byzantinischen juristischen Literatur.

Beachtlichen Anteil an der Forschung haben aber auch kirchliche Institutionen, an erster Stelle der Orden der Assumptionisten, der (von seiner Zweigniederlassung in Konstantinopel aus) vor allem topographische, numismatische und sphragistische Quellen bearbeitete (V. Grumel, V. Laurent, J. Darrouzès), in neuerer Zeit aber (von Paris aus) auch Texteditionen und Regestenarbeiten stark in den Mittelpunkt stellte. Die Jesuiten der Societas Bollandi in Brüssel beschäftigen sich ausschliesslich mit Hagiographie. Unter den Dominikanern, dem einzigen christlichen Orden mit Niederlassungen im Byzantinischen Reich, ist R.-J. Loenertz (1900-1976) mit seinen Studien über Geschichte und Literatur des spätbyzantinischen Reiches zu nennen.

Nicht zuletzt sei als Einzelleistung das Werk des Belgiers H. Grégoire (1881-1964), des Begründers der byzantinischen Epenforschung, dessen Studien die Auseinandersetzung mit der Volksliteratur wesentlich beeinflussten. Ebenso singulär ist der Ungare G. Moravcsik (1892-1972), der mit seinen "Byzantinoturcica" ein quellenkundliches Handbuch von bleibender Bedeutung schuf.

 

Byzantinistik - Perspektive in der Schweiz

Unabhängig von den wenigen genannten Schwerpunkten wird organisierte byzantinistische Forschung heute in über 30 Ländern betrieben, wobei das Fach allerdings nicht immer als eigenständige Richtung an den Universitäten vertreten ist. In der Schweiz sind dahingehende Ansätze an der Universität Zürich anzutreffen, wo seit Jahrzehnten am Historischen Seminar jeweils im Wintersemester ein byzantinisches Kolloquium in interdisziplinärer Besetzung stattfindet. Seit kurzem wird auch regelmässig ein Seminar in Byzantinistik angeboten, wobei die dort zu erbringende Leistung je nach Thema in Alter Geschichte, Geschichte des Mittelalters, Militärgeschichte (Altertum, Mittelalter), Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Mittelalter) oder Osteuropäischer Geschichte (Südosteuropa) angerechnet wird. Es wäre nur zu begrüssen, wenn dieses Lehrangebot in Zukunft ausgebaut und die Universität Zürich mit einem mutigen Schritt nach vorne die Byzantinistik als Studienfach einrichten würde.

 

Bibliographie

 

 

 

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