Historisches Seminar

Naturkatastrophen und vormoderne Gesellschaften

Universität Zürich, 7.-9. September 2006

Tagungsbericht

Die Tagung konzentrierte sich auf vorindustrielle Gesellschaften mit einem klaren Schwerpunkt auf der Zeit zwischen 1500 und 1800. Die Fallstudien waren geographisch über den ganzen Globus verteilt und betrafen ein weites kulturelles Spektrum (s. beiliegendes Tagungsprogramm). Damit war die Grundvoraussetzung für einen breit angelegten Kulturvergleich gegeben. MONICA JUNEJA (Delhi/Hannover) führte dazu in ihrem Einleitungsreferat aus, dass bei allen methodischen Schwierigkeiten heute neue Chancen dafür gegeben seien. Die Skepsis der 1980er und 1990er Jahre werde heute durch einen vorsichtigen Optimismus abgelöst. An erster Stelle stehe der Versuch eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Internationalisierung der Forschung selbst sei eine gute Voraussetzunge dafür. FRANZ MAUELSHAGEN (Zürich) stellte in knapper Form den Forschungsstand dar. Es wurde deutlich, dass heute vor allem im Konzept der sozialen Verwundbarkeit ein Analyseinstrument vorhanden ist, mit dem die Geschichte der (Natur )Katastro¬phen vom traditionellen Missverständnis befreit werden kann, es handle sich dabei um (rein) natürliche, einmalige und zufällige Ereignisse.

Katastrophen und Klimawandel – Natur und Gesellschaft

Ein wichtiger Schwerpunkt der Tagung ergab sich durch Beiträge zu klimatisch induzierten Katastrophen (u. a. Überschwemmungen, Dürre, Hun¬ger¬krisen, Sturmfluten) und Klimawandel. CHRISTIAN PFISTER (Bern) führte in einem Schlüsselreferat aus, welche Bedeutung der Konnex zwischen klimatischen Extremen und Katastrophen für gesellschaftliche Wahrnehmungen im Europa der Frühen Neuzeit besass. Phänomene wie der Hexenglaube könnten nicht ohne diesen Hintergrund verstanden werden. Pfister wies auf die chronologische Parallele zwischen klimatischen Extremperioden innerhalb der «Kleinen Eiszeit» und den Konjunkturen der Hexenverfolgung hin. Sogenannter «Wetterzauber» mit Schadensfolge bildete die ideologische Verknüpfung im Denken der Ankläger in Hexenprozessen. Was die agrarwirtschaftlichen Folgen – insbesondere Hungerkrisen als Folge klimatisch extrem ungünstiger Jahre – anging, plädierte Pfister für eine vermittelnde Haltung zwischen den Extrempositionen der «Deterministen», die in der Kausalkette von Klimaextremen zu Subsistenzkrisen den Faktor soziale Verwundbarkeit unterbelichten, und der «Distributionisten», die jeden natürlichen Einfluss leugnen und Hungerkrisen alleine für ein Verteilungsproblem halten (u. a. Robert W. Fogel und Amartya Sen).

RICHARD GROVE (Canberra) ergänzte diesen Aspekt durch einen weit ausgreifenden chronologischen Überblick über El Niño-Ereignisse und Hungerkrisen in Süd- und Südostasien von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert. Die vergleichende Perspektive führte aus seiner Sicht zu einer klaren Kritik an Darstellungen wie der von Mike Davis (Late Victorian Holocausts, 2001), der die enorme Sterblichkeit während der grossen Dürre von 1876-1878 in Indien vor allem auf das Missmanagement der englischen Kolonialherren zurückgeführt hat. Grove meinte, dass die Mogul-Herrscher in vergleichbaren Krisen während des 17. und 18. Jahrhunderts keineswegs besser abschnitten. Weder sie noch die Engländer hätten die geographisch-klimatischen Bedingungen solcher Krisen angemessen verstanden und über ein geeignetes Katastrophenmanagement verfügt. VINITA DAMODARAN (Sussex) bezog hier in gewissem Sinne Gegenposition: Sie zeigte am Beispiel des frühneuzeitlichen Bengalens, wie sich Bewältigungsstrategien in Dürrezeiten unter englischer Kolonialherrschaft schlicht deshalb nicht fortsetzen liessen, weil in dieser Periode viele Wälder mit ihren Ressourcen gerodet wurden. Das zuvor bestehende Gleichgewicht zwischen Umwelt und Gesellschaft wurde gestört, ohne dass es den Kolonialherren im 19. Jahrhundert gelungen wäre, das gesellschaftliche Risikopotential in Dürrezeiten kompensatorisch wieder zu verringern.

Das Plädoyer für die Bedeutung klimatischer Faktoren, das schon aus den Referaten von Pfister und Grove hervortrat, wurde unterstützt durch das Referat von GEORGINA ENDFIELD (Nottingham) zum Zusammenhang von Klima und Krisen im Mexiko des 18. Jahrhunderts. Endfield zeigte, wie eine durch Bevölkerungs- und ökonomisches Wachstum gekennzeichnete, sehr hierarchisch strukturierte Gesellschaft bestimmte Gruppen in überdurchschnittlichem Masse klimatisch bedingten Naturgefahren aussetzte. Darin spiegeln sich nicht zuletzt die ungleich verteilten Folgen einer frühen ökonomischen Globalisierung, von der eine zunehmend abhängige Unterschicht im agrarischen Kernland Mexikos wenig oder gar nicht profitierte.

Eine der Grundsatzfragen für jede Geschichte der Naturkatastrophen lautet, ob Katastrophen natürlich sind oder gesellschaftlich. VIRGINIA GARCÍA ACOSTA (Mexico City) vertrat die zweite Auffassung mit schärferer Zunge als alle anderen Tagungsteilnehmer. Am Beispiel der langen Überschwemmungsgeschichte Mexikos vertrat sie den Standpunkt, dass klimatisch induzierte Katastrophen wie diese weder natürlich sind noch historisch jemals natürlich waren. Sie seien vielmehr als Ergebnisse sozialer Prozesse von unterschiedlichem Verlauf und Dauer anzusehen: Wandel in der landwirtschaftlichen Praxis, Umweltzerstörung, Urbanisierung seien einige dieser Prozesse, die sich über die Jahrhunderte beobachten liessen. Historisch könne man den akkumulativen Prozess der Konstruktion sozialer Risiken im Umgang mit Naturgefahren beobachten, der in Lateinamerika letztlich zu einer grösseren Zahl von Katastrophen und grösseren Schäden durch sie geführt habe. Katastrophen seien kein ungelöstes Problem der Entwicklung, sondern viel häufiger Probleme, die durch Entwicklung erst verursacht oder verschlimmert worden seien. Über wie lange Zeiträume soziale Voraussetzungen für Katastrophen geschafften werden, zeigte ANTHONY OLIVER-SMITH (Florida) am Beispiel Perus. Eine Art Gegengewicht zu dieser Betonung sozialer Prozesse war der Beitrag von MEENA BHARGAVA (Delhi). Zwar konstatierte auch sie, dass Katastrophen multidimensionale soziale Phänomene sind. Doch lag die Betonung in ihrer Studie zum Wandel der Flussläufe des Ganges-Systems in Nordindien zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert klar auf geomorphologischen Aspekten. Die Rolle der Gesellschaft – etwa bei der Regelung von Eigentumsfragen – konnte weitgehend auf den Begriff der Adaption an eine sich verändernde natürliche Umwelt gebracht werden. GREG BANKOFF (Auckland) dagegen fokussierte in seiner Fallstudie zu den Philippinen wiederum ganz auf gesellschaftlichen Bewältigungsstrategien.

Aus dieser Diversität der Ansätze muss man wohl die Schlussfolgerung ziehen, dass sich die Grundsatzfrage, ob Naturkatastrophen soziale oder natürliche Prozesse/Ereignisse sind, in der radikalen Form einer ausschliessenden Alternative gar nicht stellt. Akzentuierungen der einen oder anderen Seite in der Interaktion zwischen Natur und Mensch sind eine Frage der gewählten Forschungsperspektive, also der Fragestellung. Deren Schwanken macht deutlich, dass integrative Kausalmodelle im Sinne einer histoire totale der Katastrophen bisher fehlen. Die Synthese und ihre theoretischen Grundlagen bleiben vorläufig ein Desiderat.

Religiöse Deutungsmuster

Religiöse Deutungen von Katastrophen weisen auf einer theoretisch-theologischen Ebene in islamisch und christlich geprägten Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Das wurde an den Beiträgen von ANNA AKASOY (London) und OTFRIED WEINTRITT (Freiburg) deutlich. Auch in China lässt sich in der Chronistik bis ins 19. Jahrhundert ein Deutungsstrang nachweisen, der an straftheologische christliche und islamische Konzepte erinnert. Das führte ANDREA JANKU (London) in ihrem Referat aus. Es bestand Einigkeit in der Einschätzung, dass dennoch gravierende kulturelle Unterschiede zu beobachten sind, dafür allerdings der Blick auf theologisch-metaphysische Deutungsmuster alleine nicht ausreicht. Vielmehr muss die gesellschaftliche Praxis in den Blick genommen werden. Mit Blick auf den Islam stellte ASTRID MEIER (Zürich) diese Forderung explizit. Die Vorstellung eines einheitlichen Islam über einen langen Zeitraum von tausend Jahren und über einen grossen geographischen Raum hinweg sei an sich schon fragwürdig. Theologische Deutungen bieten darüber hinaus ein breites Feld an politischen Argumenten und folglich Raum für vielfältige Instrumentalisierungen. Bedeutsam ist etwa das Motiv der ungerechten Herrschaft: Katastrophen werden in dieser Zielrichtung als Indikatoren für einen Misstand der politischen Ordnung in der Herrschaftsausübung gedeutet. Zahlreiche Jihad-Bewegungen im vorkolonialen Afrika seien dafür das beste Beispiel.

Eine etwas anders gelagerte Beziehung zwischen Katastrophen und Herrschaft lässt sich im christlichen Kontext schon für die Chronistik des 6. Jahrhunderts beobachten, wie MISCHA MEIER (Tübingen) am Beispiel der Chronik des Johannes Malalas zeigen konnte. Meiers These lautete, dass Malalas das Zeitalter Justinians als ein Zeitalter der Angst charakterisieren wollte. Katastrophen werden auch hier grundsätzlich als Strafen verstanden, jedoch positiv als Katharsis und zugleich als Spiegel kaiserlichen Handelns bewertet. Auffallend sei die Parallelisierung von göttlichem Handeln qua Strafe für Sünden und kaiserlichem Handeln in Richtung auf die Linderung von Katastrophen. Auch das Motiv der Stiftung eines besseren Zusammenhalts der Bevölkerung in Notlagen taucht auf – ein weiteres Indiz für die Komplexität und Flexibilität religiöser Muster im politischen Kontext.

Für Europa zeichnete sich weiterhin ab, dass viel früher als meist erwartet mit einem Nebeneinander theologischer und ganz anderer, säkularer Deutungen zu rechnen ist. GERRIT SCHENK (Stuttgart) konnte am Beispiel der Jahrhundertflut von 1333 in Florenz mit beeindruckender Detailgenauigkeit zeigen, wie das politische Establishment der Stadt ein auch modernen Ansprüchen genügendes Mass an Professionalität an den Tag legte. Technische Lösungen für zukünftige Prävention und die Organisation von Hilfeleistungen im Wiederaufbau waren aber auch hier nicht neu. Sie haben offenbar eine längere Tradition, der es weiter nachzuforschen gilt. In vergleichender Perspektive bleibt es ein Forschungsdesiderat, dies nicht nur für Europa zu leisten, sondern eben auch für die islamisch geprägte Welt, China oder andere Regionen. Erst dann lassen sich modernisierungsgeschichtliche Konzepte wie das vom «Europäischen Sonderweg» (Rolf Peter Sieferle u. a.) auf ihre Haltbarkeit prüfen. Ihnen zufolge hatte die Bewältigung von Natur- und Brandkatastrophen im frühneuzeitlichen Europa eine Katalysatorwirkung für Modernisierungsprozesse in Recht, Verwaltung und Risikomanagement. Ob Europa damit wirklich einen Sonderfall darstellt, muss vorläufig offengelassen werden. Die immer noch weit verbreitete Vorstellung, das vormoderne Europa sei in Katastrophenlagen alleine von religiösem Fatalismus geprägt, gehört ins Reich der Legenden. Hinzu kommt, dass die wissenschaftliche Interpretation in Phasen der Hochkonjunktur straftheologischer Deutungen umstritten ist. Eine solche Phase bildet etwa das Zeitalter der Reformation, der katholischen Reform und der Glaubenskonflikte, also grob: das 16. Jahrhundert. PHILIPP SOERGEL (Washington) meinte, dass die ständig verbalisierte Frömmigkeit frühneuzeitlicher Prediger und Moralisten, wonach Sünden als Ursachen für Katastrophen ausgemacht wurden, von Historikern allzu einseitig als Evidenz für eine Art kollektivmentale Paranoia gedeutet worden sind. Die ständige Wiederholung von Botschaften über Furcht und Schuld könnten ebensogut als Zeichen für das Gegenteil gedeutet werden, nämlich dass aus Sicht der Prediger das Schuldbewusstsein nicht hinreichend ausgeprägt war.

Publikation der Beiträge

Die Tagungsbeiträge werden im Druck erscheinen, und zwar als Sondernummer des Medieval History Journal: "Coping with ‘Natural’ Disasters in the Pre-Industrial World," hrsg. v. Franz Mauelshagen and Monica Juneja. The Medieval History Journal, No. 10 (Sage: Delhi 2007), Special Issue

Die Tagung wurde gefördert durch

Schweizerischer Nationalfonds
Deutsche Forschungsgemeinschaft
Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften
Historisches Seminar der Universität Zürich
Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich

Universität Zürich Zentrum

Kontakt

Dr. Franz Mauelshagen
f.mauelshagen@access.uzh.ch
Tel.: +41 (0)44 6343891

Programm (zum Herunterladen)

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