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Historisches Seminar
der Universität Zürich

Osteuropäische Geschichte

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CH-8006 Zürich
Schweiz

oeg@hist.uzh.ch

Tel.: +41 / (0)44 634 38 76

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Historisches Seminar der Universität Zürich: Osteuropäische Geschichte

Der Aufbau des Russlandschweizer-Archivs (RSA)

Bestandsübersicht des Russlandschweizer-Archivs

Hinweise für die Benutzung, Anfragen

Personen-Datenbanken


Die Dokumente im RSA sind nach ihrer Art katalogisiert, je nachdem, ob es sich um Fotos, Briefe, Erinnerungen, Korrespondenzen, Tonbandinterviews oder Material aus fremden Archiven handelt. Anfangs 1996 umfasste das RSA 1001 Einheiten, die sich folgendermassen verteilen:

Statistik

Dazu kommen als selbständige Einheiten:
  • die VRS-Kartei (Kartei der Vereinigung der Russlandschweizer);
  • das VRS-Archiv (Archiv der Vereinigung der Russlandschweizer und der
  • Secrusse);
  • das Archiv Rauber (Forschungsmaterial von U. Rauber);
  • das Archiv Hoesly (Korrespondenz von R. von Hoesly über Schweizer Pfarrer);
  • das Archiv Ehret (Forschungsmaterial von J. Ehret, bes. zu Tessinern) und das Archiv Weisbrod (Forschungsmaterial von M. Weisbrod über Zürichtal).
Kernstück des Archivs bildet allerdings die EDV-Kartei der Russlandschweizer, die 1994 von Roman Bühler auf unser System(Macintosh) übertragen worden ist, nachdem sie zuvor nur auf dem Grossrechner zugänglich gewesen war.

Folgen Sie mir nun in einer kleinen Führung durch das RSA. Im Hängeschrank im Büro 281 sehen Sie die verschiedenen statistischen Auswertungen der Daten auf dem Grossrechner. Darunter die Kartei der VRS, die Markus Lengen für seine Lizentiatsarbeit auf EDV aufgenommen hat. Auch sie steht nun für Abfragen zur Verfügung. Die lange Reihe von Archivschachteln oben auf dem Büchergestell (etwa 4 Laufmeter) beinhaltet das VRS-Archiv mit den Protokollen der erfolglosen Bemühungen der Russlandschweizer, Schadenersatz von der Sowjetunion für das 1917 enteignete Vermögen zu erlangen. Das meiste übrige Archivmaterial ist in Ordnern gesammelt. Zuoberst finden Sie die Signatur For (38 Einheiten) mit den unpublizierten Forschungsarbeiten, z.B. von Irène Herrmann über die Genfer Auswanderung nach Russland.[1] Daneben beginnt die wohl interessanteste Rubrik, jene der Erinnerungen(Chron, 76 Einheiten). Das Prunkstück dieser Sammlung bildet Chron 27, die über 1000 Seiten starken Erinnerungen des Grafikers Ernst Derendinger, der in Moskau Weltkrieg, Revolution, Kriegskommunismus, NEP und Stalinismus erlebt hat. Bei unserem vierbändigen Exemplar handelt es sich um eine Kopie des Manuskripts aus dem Staatsarchiv Bern, die Christine Gehrig gemacht und mit einem Inhaltsverzeichnis versehen hat. Daneben verblassen die übrigen 30 Erinnerungen von Vertretern verschiedener Berufsgruppen ein wenig. Ebenfalls erst in letzter Zeit gelang eine weitere hervorragende Erwerbung: Die Erinnerungen von Valy Eggenschwiler.[2] Darin berichtet sie von der Kollektivierung, der ihre Eltern zum Opfer fielen, vom Weltkrieg und wie die Kinder zwischen die Fronten gerieten. Schliesslich erzählt sie von der Flucht der Kinder durch die Fronten des Zweiten Weltkriegs, die auf schier unglaubliche Art tatsächlich gelang. Mit Signaturen über 100 haben wir kürzere Berichte katalogisiert, darunter auch Genealogien und Familienchroniken, meist von Hobbyhistorikern unter den Nachkommen zusammengestellt.

Ganz am Schluss der Reihe sind in einem Ordner Abschriften von Tonbandinterviews abgelegt. Anna Staubli hat sich für eine geplante Publikation von Quellen zur Geschichte der Russlandschweizer, die Peter Collmer vorbereitet, durch die Tonbandaufnahmen der Interviews gekämpft. Nun liegen von den wichtigsten Gesprächen Protokolle in einer leichter zugänglichen schriftlichen Form vor, die sich besser zur Archivierung eignet. Denn die Tonbänder haben in den fünfzehn Jahren seit ihrer Aufnahme schon ziemlich gelitten. Aus diesen Interviews ragt jenes mit Eduard Vollenweider heraus, der noch in hohem Alter überaus eindrucksvoll das grossbürgerliche Leben der Familie eines Hofschneiders in Petersburg schilderte (TBI 51).

Es folgt die 340 Einheiten starke Rubrik Publikationen mit Büchern (Publ 1-68), Broschüren (Publ 100-156) und Zeitungsartikeln (Publ 200-391) zum Thema Russlandschweizer. Hier stechen die Memoiren der Rosa von Wild heraus, der Ehefrau des Meteorologen Heinrich von Wild. Einmalig sind diese Erinnerungen, da sie aus der Feder einer Frau stammen, die ihr Leben an der Seite des bekannten Wissenschaftlers beschreibt. Gleich daneben stehen die Statuten der Société de bienfaisance à St.-Pétersbourg aus dem Jahre 1890. Sie beleuchten eher die unglückliche Seite der Auswanderung, da sich die Schweizer zusammenschlossen, um ihre notleidenden Landsleute (meist Gouvernanten) zu unterstützen. Unter den Neuerwerbungen finden sich zwei äusserst interessante Werke: Unter Publ 64 1-3 die Kataloge der Ausstellung "Il Ticino e San Pietroburgo", die 1994 in Lugano und Curio gezeigt und von der OEG-Abteilung in einem Seminarausflug besucht wurde. Ebenfalls von einer Ausstellung, jedoch einer ständigen im Historischen Museum Bern, geht der prächtige Band über den Abenteurer und Forschungsreisenden Henri Moser aus.[3]

Unter den Broschüren gibt es auch einige Perlen, z.B. "Unter der Herrschaft des Bolschewismus; Erlebnisse von Russland-Schweizern. Zum Besten der aus Russland heimgekehrten, notleidenden Landsleute und zur Aufklärung des Schweizervolkes hg. vom Komitee der Russland-Schweizer". (Zürich 1918. 63 S.) Bei den Publikationen führen wir natürlich auch die bisher erschienenen Bände der "Beiträge zur Geschichte der Russlandschweizer", Bühlers Dissertation oder auch frühere Versuche, die Geschichte aufzuarbeiten, von Jakob Etterlin[4] und Adolf Jenny[5]. Unter den Zeitungsartikeln sind ebenfalls einige Trouvaillen zu finden: Erlebnisberichte, Nachrufe, kleinere Forschungsarbeiten und Publikationen von ehemaligen OEG-Mitarbeitern. Neben einigen Zeitungsartikeln von Bühler zu Bündnern in Russland möchte ich noch Raubers Beitrag über den Kommunisten Fritz Platten hervorheben.[6] Den Abschluss der Signatur Publ bilden die Nummern über 500, die der Emigration in andere Länder gewidmet sind - ein Hinweis auf den ursprünglich weiter gesteckten geographischen Horizont des Nationalfondsprojektes. Entsprechend findet sich denn auch Béatrice Zieglers Dissertation darunter.[7]

Beachtung verdient auch die Sammlung von Fotos, sinnigerweise unter der Signatur Fot (121 Einheiten). Separat führen wir den Bestand von Bildern aus der Sammlung Adolf Otts (Fot 38-49). Zu den Motiven gehören neben Stadtansichten auch Szenen aus dem Leben der Russlandschweizer, z.B. beim Maskenball oder auf der Dača. Hinzu kommen einzelne Fotos und ganze Sammlungen diverser Nachkommen von Russlandschweizern, die zum Teil in den Publikationen des Hauses bewundert werden können (v.a. zur Industrie, zu Käsern und Zuckerbäckern). Zu den Beständen, die bisher nicht öffentlich eingesehen werden konnten, gehören verschiedene Fotos, die uns Petra Kaufmann geschenkt hat. Sie stammen von ihrem Vorfahren Axel Streckeisen, der in Moskau als Bankangestellter gearbeitet hat. Sicherlich auch zu den Prunkstücken gehören die Bilder vom Sommerleben am Ostseestrand, die der Rigaer Professor Alexander Beck Ende des letzten Jahrhunderts selbst geschossen hat. Sie stammen aus dem Privatbesitz von Paul Usteri, der sie dem RSA vermacht hat.

Viele der Schenkungen sind in den drei Ordnern mit den Korrespondenzen dokumentiert. Hier sammeln wir in erster Linie die Zuschriften mit Informationen über Russlandschweizer. Briefe von 236 Absendern haben wir archiviert. Noch immer tröpfeln Briefe bei uns herein, jedoch meist mit Anfragen zu Vorfahren in Russland. Die letzte stammte z.B. vom EDA, das im Auftrag der Schweizer Botschaft in Russland Informationen über einen Russlandschweizer namens A. Düringer suchte. Er soll als Textilfabrikant in Ivanovo bei Moskau gelebt haben, und das russische Fernsehen möchte ihm und seinen Landsleuten ein Porträt widmen. Zu der gesuchten Person verfügen wir zwar über keine näheren Angaben, ausser dass Rauber sie einmal erwähnt. Dafür fand sich in der VRS-Kartei eine Rückkehrerin namens Julie Düringer, die 1918 im Alter von 80 Jahren aus Moskau in die Schweiz zurückkehrte. Ihr Heimatort ist mit Salenstein/TG angegeben. Ich riet deshalb dem Beamten des EDA, sich in dieser Gemeinde zu erkundigen. Die Möglichkeit, dass wir über eine gesuchte Person Bescheid wissen, ist recht klein, wenn man bedenkt, dass in unseren Datenbanken etwas über 5000 Russlandschweizer erfasst sind - bei einer geschätzten Gesamtzahl von gegen 50'000.

Gleich neben den Korrespondenzen stehen die Ordner der Briefsammlungen (41 Einheiten). Die beiden wichtigsten Bestände hat Gisela Tschudin beschafft und in ihrer Dissertation ausgewertet. Es sind dies die Briefe der beiden Käser David Moser (Bri 2) und Walter-Alfred Stettler (Bri 4). Sehr umfangreich ist auch die bereits transkribierte Briefsammlung des Privatlehrers Julien Narbel an seine Frau aus den turbulenten Jahren 1917-19 (Bri 1).

Den Abschluss unseres Rundgangs bilden die Kopien aus fremden Archiven (Arch, 110 Einheiten). Kernstück sind hier einige Listen, z.B. die "Übersicht der Netstaller in Russland nach den hiesigen Kirchenbüchern 1791-1873" (Kopie aus dem Gemeindearchiv Netstal, Arch 13). Zwei sehr wichtige Listen stammen aus dem Bundesarchiv, nämlich die "Liste des Suisses à St.Pétersbourg et dans les environs" (Arch 40) und das "Tableau des Suisses à St.Pétersbourg en 1857" (Arch 46). Hinzu kommen Kopien aus den russischen Archiven LGIA und CGIAL, die Roman Bühler während seines Studienaufenthalts in Auftrag gegeben hat. Sehr nützliche Angaben liefern einige Listen aus dem LGIA (Arch 92-94): Das Verzeichnis der Mitglieder der französischen reformierten Kirche St.Petersburg, 1843-1901, die "Liste des Membres de l'Eglise française reformée de St.Pétersbourg" und "das Metrische Buch der französischen reformierten Kirche von St.Petersburg, 1893-1916".

Damit möchte ich den Rundgang abschliessen. Jedoch nicht ohne Sie darauf hinzuweisen, dass wir nach wie vor an Material über Russlandschweizer interessiert sind. Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Rudolf Mumenthaler


Für weitere Informationen beachten Sie unsere Hinweise zur Benutzung oder wenden Sie sich an oeg@hist.uzh.ch

[1] I. Herrmann: L'émigration, un révélateur social? Les Genevois en Russie entre 1906 et 1914. (For 1)

[2] V. Eggenschwiler: Schicksal einer Schweizer Familie in Russland. Erinnerungen an die Jugend in Russland und ihre Reise in die Sowjetunion. Grenchen 1993. (Msk.)

[3] Balsiger, Roger N./Ernst J. Kläy: Bei Schah, Emir und Khan. Henri Moser Charlottenfels 1844-1923. Schaffhausen 1992.

[4] Russlandschweizer und das Ende ihrer Wirksamkeit. Nebst Beiträgen von Ernst Thalmann und Fritz Bach. 2., verm. Aufl. Zürich 1938.

[5] Leistungen und Schicksale der Russland-Schweizer und dem traurigen Ende ihrer Wirksamkeit. SA aus: Glarner Geschichte in Daten, Bd.III, Glarus 1934, 416 S.

[6] Urs Rauber: "Vor Gericht war ich ruhig wie ein Gebirgssee..." Das Schicksal des Schweizers Fritz Platten (1883-1942) in der Sowjetunion. In: Der Schweizerische Beobachter Nr.7, 1990, S.54-60. (Publ 299)

[7] B. Ziegler: Schweizer statt Sklaven; schweizerische Auswanderer in den Kaffee-Plantagen von Sao Paulo (1852-1866). Stuttgart 1985.


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Letzte Aktualisierung: 06.09.2005 (D. U.)