Sonja Furger
... zur Arbeit und zur Ordnung anhalten ...
Heimleitung und pädagogische Praxis im Kontext von Modernisierung und Medikali-sierung: das Beispiel der ehemaligen Armenerziehungsanstalt auf Schloss Kasteln (Kanton Aargau) im 20. Jahrhundert (1900–1979)
Das heutige Schulheim Schloss Kasteln wurde 1855 als private evangelische Armenerziehungsanstalt von Aarauer Industriellen gegründet. Das im Archiv der Institution überlieferte Schriftgut geht teilweise bis in die Gründungszeit zurück (Eintrittsbücher, Reglemente, Jahresberichte und Protokollbücher), ab 1912 bilden sodann Aufnahmegesuche und mit einem Heimaufenthalt verbundene Korrespondenzen, Gutachten etc. eine beinahe lückenlose Serie von Falldossiers. Das Forschungsvorhaben bezweckt, diesen Schriftgutbestand und insbesondere die rund 600 überlieferten Falldossiers systematisch auszuwerten. Im Zentrum der forschungsleitenden Fragestellungen steht die Heimleitung, d.h. die zwischen 1900 und 1979 auf Kasteln tätigen sieben Ehepaare: ihre Handlungs- und Konfliktstrategien im Umgang mit Heimkindern und deren Angehörigen, mit vorgesetzten Gremien und kommunalen Behörden, mit Angestellten, Lehrkräften und dörflicher Nachbarschaft. Welche Kriterien bestimmten ihren Blick auf die Kinder und deren Probleme, welche Denkmuster und erzieherischen Konzepte lagen den Massnahmen zugrunde, die sie ergriffen oder unterliessen? Welches war ihr Selbstverständnis als Hausvater und Hausmutter und auf welche Weise war es dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen? Die Institution Heim als Wirkungsort der Hauseltern-Paare wird dabei als komplexes Gefüge sozialer und wirtschaftlicher Interessen und Beziehungen verstanden, die sowohl in ihren Wirkungen nach innen wie in ihrer Abhängigkeit von äusseren Rahmenbedingungen rekonstruiert werden sollen. Welche Ressourcen, welche formalen und informellen Kompetenzen standen den Heimleitungen zur Verfügung bzw. vermochten diese zu mobilisieren, um den sich verändernden Anforderungen nachzukommen? Wie gestalteten sich Innovationsprozesse, in welchem Verhältnis standen Intentionen und Resultate? Die mikrohistorische Ausrichtung auf Interaktionsprozesse im Schnittpunkt einer einzelnen Institution erfordert eine theoretische Fundierung, die Individuen sowohl als TrägerInnen wie als ProduzentInnen von Sinn- und Bedeutungsstrukturen konzipiert. Daraus ergeben sich verschiedene Anschlussmöglichkeiten für Fragestellungen, welche beispielsweise die sonder- und sozialpädagogische Verberuflichung /Professionalisierung im Heimwesen, die Medikalisierung von Erziehungsschwierigkeiten, die Ausdifferenzierung von Pädiatrie und Kinderpsychiatrie sowie den Ausbau sozialstaatlicher Angebote betreffen.
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