Historisches Seminar – Prof. Dr. Marcus Sandl

Forschung und Projekte

Forschungsinteressen

Geschichte frühneuzeitlicher Wissensordnungen; politisch-ökonomische Wandlungsprozesse und Wissenschaftsgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts; Reformationsgeschichte; Theologie- und Diskursgeschichte des 16. und frühen 17. Jahrhundert; Theorie der Geschichte und Methodenlehre, Mediengeschichte.

Projekte

1. "Religion in der Differenz: Grenzziehungen und Konflikte in der Frühen Neuzeit" / Forschungsprojekt im Rahmen des Exzellenzclusters 16 (Universität Konstanz). Projektleitung zusammen mit Prof. Dr. Rudolf Schlögl; Mitarbeiter: Eva Brugger, Jan Behnstedt und Sandro Liniger.

Ziel des Projekts ist eine Neuperspektivierung der frühneuzeitlichen Religionsgeschichte unter kommunikations- und differenztheoretischen Vorzeichen. In Abgrenzung zu bestehenden Ansätzen soll Religion nicht als Teilbereich der frühneuzeitlichen Geschichte isoliert be-trachtet, sondern als zentraler Faktor sozialer Strukturbildung und Katalysator diachroner Transformations- und Differenzierungsprozesse in den Blick genommen werden. Im Zentrum des Interesses stehen damit Differenzen, die im Medium der Religion frühneuzeitlich herge-stellt, beobachtet und prozessiert wurden. Untersuchungsfelder sind zum einen Grenzziehun-gen und Interferenzen von Religion und Ökonomie, zum anderen der Nexus von Religion, Gewalt und Konflikt in der frühneuzeitlichen europäischen Geschichte. Indem das Religiöse damit von seinen Grenzen resp. im Hinblick auf die Emergenz zeitgenössischer Grenzziehun-gen bestimmt wird, soll gleichzeitig ein Beitrag zur Genese und Entwicklung neuzeitlicher Integrationsprozesse geleistet werden, der über eine Religionsgeschichte im engeren konven-tionellen Sinne hinausgeht. http://www.exc16.de/cms/290.html

2. Forschergruppe "Wahrheit und Subjektivität. Figuren und Figurationen der Authentifizierung" / Förderbeginn Januar 2010. Federführende Leitung zusammen mit Prof. Dr. Bernhard Kleeberg.

Die beantragte Forschungsinitiative setzt es sich zum Ziel, die geläufige Opposition zwischen Subjektivität und Objektivität, Relativismus und Wahrheit zu hinterfragen. Solchen Dicho-tomisierungen, die die Komplexität soziokultureller Konstitutions- und Aushandlungsprozesse von Wahrheit ausblenden, wird die zunächst kontraintuitiv anmutende Frage nach den subjektiven Dimensionen von Wahrheit entgegengestellt. Damit wird bewusst ein neuer Fokus auf die Wissensgeschichte gerichtet, der die dominierenden, um den Objektivitätsbegriff kreisenden Debatten durchkreuzt, nicht jedoch die damit aufgeworfenen Fragen und Probleme suspendiert. Im Gegenteil, so die Arbeitshypothese: gerade mit Blick auf die wechselseitige soziale und diskursive Abhängigkeit von Subjektivität und Wahrheit können historisch und systematisch fundiertere Aussagen zu Fragen der Verbindlichkeit und Objektivität von Wissen getroffen werden. Zu diesem Zweck werden systematisch drei Perspektiven verfolgt: Untersucht werden sollen (1.) die "Wahrheit des Subjekts" (Subjek-tivität und Subjektivierung von Wahrheitsansprüchen einschließlich ihrer subjektkonstitutiven Dimensionen); (2.) das "Subjekt der Wahrheit" (Begründungsweisen der Wahrheit, die auf das Subjekt rekurrieren); sowie (3.) soziale, mediale und diskursive Konstellationen, innerhalb derer Wahrheit auf solche Subjektivitätsrelationen bezogen wird. Das interdisziplinär ausgerichtete Projekt soll so neue Forschungsperspektiven auf ein Kernproblem der Wissensgeschichte erarbeiten und die Basis für einen größeren Forschungsverbund legen.

3. Arbeitskreis "Medien und Geschichte" (Universität Konstanz / Universität Erlangen / Universität Zürich) / Mitbegründer des interdisziplinären Arbeitskreises zusammen mit Prof. Dr. Kay Kirchmann (Erlangen).

(vgl. u.a. http://www.uni-konstanz.de/revolutionsmedien/ sowie http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/LitWiss/MedienWiss/Tagung/med_ges/)

4. "Kalkuliertes Risiko. Dispositive des Spiels im Zeitalter der Krise" (Publikationsprojekt zus. mit Jan Behnstedt)

Trotz der in den letzten Jahrzehnten zu konstatierenden Pluralisierung historiographischer Zugriffsweisen gilt das 17. Jahrhundert in der Geschichtswissenschaft gemeinhin immer noch als Zeitalter der Krise. So werden Kriege, Katastrophen, Niedergänge und Zusammenbrüche fokussiert und zu einem epochalen Erklärungszusammenhang gefügt, während jene Aspekte, die sich dem Krisenparadigma entziehen, weithin unbeachtet bleiben. Zu letzterem zählt die während des 17. Jahrhunderts in ganz Europa zu beobachtende Konjunktur des Spiels, die zahlreiche Facetten hatte. Strategie-, Geschicklichkeits- oder Glücksspiele wurden nicht nur zu einem ständeübergreifenden Massenphänomen, sondern auch zu Figurationen der Selbst- und Weltbeobachtung und Reflexionshorizonten des sozialen, politischen und wissenschaftlichen Wandels. Offensichtlich ermöglichten es die in Geschicklichkeits- wie Glücksspielen elaborierten Modelle des Komplexitätsaufbaus auf so unterschiedlichen Feldern wie der Theologie, der Ökonomie und des Rechts sowie der Staatskunst neue Beobachtungs-, Entscheidungs- und Handlungskriterien zu entwickeln. Zudem zeigt ein Blick auf die zeitgenössischen Variationen der Spielerfigur, vom Spekulanten bis zum Projektemacher, dass diese Modelle um die Jahrhundertwende in vielfältiger Weise realisiert wurden. Die Dispositive des Spiels und die ihnen eigene Kombinatorik von Schrift, Bild/Figur und Zahl, so die These, ermöglichten es, einen innerweltlichen Handlungsraum jenseits heilsgeschichtlicher Deutungsmuster auszuloten, mit Kontingenz und Wahrscheinlichkeit zu rechnen und letztlich handlungsleitende Verfahren der Risikoabschätzung zu entwickeln. Sie waren damit nicht nur ein wesentlicher Katalysator der beginnenden Aufklärung, sondern auch der Entstehung des Krisenparadigmas als historischem Erklärungsmodell selbst.

5. "In alieno nomine. Eine Geschichte der Fürsprache in der Vormoderne" / Forschungsprojekt im Rahmen des NCCR "Mediality" (in der Konzeptionsphase)

Es gehört zu den Grundmustern sozialer Beziehungen, dass jemand für einen anderen eintritt, ein gutes Wort für ihn einlegt, sich auf seine Seite schlägt oder in dessen Namen spricht. Dabei reduziert sich die Fürsprache nicht darauf, zwischen zwei Personen zu vermitteln. Sie hebt die Dualität einer unmittelbaren Begegnung auf und stiftet dadurch Beziehungen neuer Art und höherer Komplexität. Sie erweitert das Beziehungsspektrum sowohl räumlich als auch zeitlich, gleichzeitig verändert sie es inhaltlich, indem sie es verflüssigt und auf Prozesse der Anteilnahme und der Interpretation hin transparent macht. Bislang wurde noch keine Geschichte der Fürsprache geschrieben. Das Projekt soll vor diesem Hintergrund inhaltliche und methodisch-theoretische Möglichkeiten einer solchen Geschichte der Fürsprache in der Vormoderne ausloten.

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