Historisches Seminar – Prof. Dr. Francisca Loetz

Geschichte historischer Zeiten

Historische Zeiten
Geschichte und Zeit scheinen auf den ersten Blick zusammen zu gehören wie Geographie und Raum. Indes macht die Geschichtswissenschaft die Zeit in der Regel nicht zu ihrem Gegenstand, sondern setzt sie als physikalische Grösse voraus. Ihr Interesse gilt den kulturellen, ökonomischen, sozialen, technologischen oder politischen Veränderungen in der Zeit, um auf diesen Feldern historischen Wandel zu beschreiben. Eine Geschichte historischer Zeiten im engeren Sinn betrachtet die Zeit selbst dagegen als historische Variable. Das kann auf verschiedenen Ebenen geschehen: Ein erster Einsatzpunkt ist die Historisierung von Zeitmedien von der Uhr über den Kalender bis hin zu modernen Messapparaturen. Dabei lässt sich beispielsweise zeigen, dass die Vorstellung einer abstrakten, gleichförmig verlaufenden und kontinuierlichen physikalischen Zeit historisierbar ist, da sie auf bestimmten Apparaturen und Technologien der Zeitproduktion beruht. Eine zweite Ebene der Geschichte historischer Zeiten sind Zeit- und Geschichtskonzepte, die Fortschritts- ebenso wie Wiederholungs- und Endzeitvorstellungen umfassen können. Drittens lassen sich schließlich auch Zeitqualitäten zum Gegenstand der historischen Analyse machen. So definieren beispielsweise der günstige Augenblick, die Zeitenwende, die Beschleunigung oder Verknappung von Zeit historische Situationen in ihrer inneren Dynamik. Eine Geschichte historischer Zeiten intendiert damit letztlich die Historisierung jener zeitlichen Parameter, die meist ein blinder Fleck der Geschichtsschreibung bleiben.

Bildnachweis: Astrologische Uhr am Altstädter Rathaus, Prag, ca. 1410.

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