Sprache und Geschichtswissenschaft

Sprache ist ein grundlegendes Werkzeug der Geschichtswissenschaft. Nicht nur, weil Geschichtswissenschaft ihre Erkenntnisse sprachlich vermittelt, sondern auch, weil Geschichtswissenschaft überwiegend auf sprachliche Quellen angewiesen ist.
Dennoch haben Reflexionen über Sprache spät Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden. Der so genannte „linguistic turn“ bezeichnet nicht eine linguistische Wende, sondern eine – wörtlich übersetzt – sprachliche Wende in der Geschichtsschreibung. Hinter dem Schlagwort verbergen sich zwei Grundsatzdiskussionen: zum einen die literaturwissenschaftlich orientierte Kontroverse, wie nach Hayden White Geschichtsdarstellungen bestimmten Erzählmustern folgen (müssen); zum anderen die Frage, wie Diskurse nach Michel Foucault (meist auf normativer Ebene) als sprachliche Episteme Machtverhältnisse produzieren.
Linguistisch orientierte Ansätze gehen in eine andere Richtung. Die Historische Semantik bzw. Begriffsgeschichte sieht im Wandel der Sinnbedeutungen von Begriffen den Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen. Sprachpragmatische Modelle der Kommunikation begreifen Sprechen als Diskurse, in denen Menschen durch ihr verbales Handeln Normen und somit ihre Gesellschaft prägen. Es sind die Sprechenden, die mit ihrer diskursiven Praxis z.B. über gotteslästerliche Äußerungen (
Gotteslästerung) Geschichte machen. Während sich die Historische Semantik zu einem gewissen Grad in der Geschichtswissenschaft etabliert hat, wird die Frage, inwiefern schriftliche Quellen als Produkte von Kommunikation zu verstehen sind, erst seit kurzem konzeptionell gestellt. Daher sind hier wichtige, neuartige Erkenntnisse zu erwarten.
Bildnachweis: Skizzenausschnitt aus der Zeichnung Obernais und des Mordanschlags auf Augustin Güntzer, 17. Jh., aus: F. Brandle/D.Sieber (HG): Augustin Güntzer, Kleines Biechlin von meinem gantzen Leben. Die Autobiographie eines Elsässer Kannengiesser, aus dem 17. Jahrhundert, Köln/Weinmar/Wien 2002, S.88-90
Language and History
Language is a basic tool in history – not only because history conveys its findings primarily through language, but also because history is heavily dependent on oral and written sources. Despite this, it is not often that linguistic theories and pragmatic models of linguistics have found their way into historical analyses. The keyword “linguistic turn” usually refers either to discussion of Hayden White’s thesis that historical representations necessarily follow certain narrative patterns, or to Michel Foucault’s analysis of how “discourses” produce power relations.
By contrast, linguistically oriented approaches in the study of history are found chiefly in two variants: in the form of historical semantics or in application of pragmatic models of communication. Whereas historical semantics is reasonably well established in history studies, the question of understanding written sources as products of communication situations has just begun to be conceptually explored.