Infrastrukturgeschichte: Zur Materialität von Gesellschaftsbeziehungen

Großtechnische Infrastrukturen erschließen im Namen von Expansion, Integration, Effizienzsteigerung und Sicherheit neue Räume; sie schaffen Volkswirtschaften und internationale Märkte. Die Entwicklungsprojekte der Weltbank förderten daher von Anfang an den technischen Ausbau strukturschwacher Staaten: equipment, construction, plant, port, road, irrigation, steel, highway, railway, dams gehören zu den häufigsten Substantiven in ihren ersten Jahresberichten. Franco Morettis und Dominique Pestres kürzlich erschienene linguistische Analyse der Berichte macht zugleich einen semantischen Wandel sichtbar, der auf die Entmaterialisierung von Gesellschaften hinzuweisen scheint. In den letzten beiden Jahrzehnten zielte die Förderpolitik der Weltbank mehrheitlich auf die Analyse und den Umbau des Finanzsektors der unterstützten Staaten: Die Begriffe fair value, portfolio, derivative, guarantees, losses, accountings, assets, equity haben Konjunktur.

Verblasst in internationalen Institutionen und globalen Handlungszusammen-hängen tatsächlich "die physische Welt", wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rezension von Morettis und Pestres Aufsatz kommentierte (SZ vom 28.4.2015)? Der Bau von Flüssigerdgasterminals, die Informationstechnologien des Finanz- und Börsensektors oder die wissenschaftlich-militärischen Infrastrukturen der Klimawandelforschung legen das Gegenteil nahe.

Im Workshop werden neuere Ansätze diskutiert, die große technische Infrastrukturen in den Mittelpunkt ihrer gesellschaftsgeschichtlichen Analysen stellen.

Am Vorabend des Workshops spricht Herr van Laak im Rahmen des Zentralen Kolloqiums des Doktoratspogramms zum Thema "Maßstab der Moderne. Variationen über die Kultur- und Alltagsgeschichte der Infrastruktur".