Geschichte des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich

Die Geschichte des Lehrstuhles sowie weitere Informationen zur Osteuropäischen Geschichte in Zürich sind in drei 1996, 2002 und 2011 erschienenen Broschüren verzeichnet, die als pdf-Datei heruntergeladen werden können:

Broschüre von 1996 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Lehrstuhls (PDF, 22817 KB)

Broschüre "Der Fachbereich Osteuropa am Historischen Seminar der Universität Zürich, 1996-2002" (PDF, 14753 KB)

Broschüre von 2011 anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Lehrstuhls (PDF, 4345 KB)

Die Geschichte Osteuropas lag im 19. Jahrhundert weitgehend ausserhalb des Gesichtskreises der auf sich selbst bezogenen "abendländischen" Welt. Von einigen Ansätzen in Wien und Berlin abgesehen weckte erst die Oktoberrevolution von 1917 das Bedürfnis nach der historischen Erforschung Osteuropas und besonders Russlands; in der Zwischenkriegszeit entwickelte sich in Deutschland, Österreich, den Vereinigten Staaten, England und Frankreich die Osteuropäische Geschichte allmählich als Lehr- und Forschungszweig an den Universitäten. Der Zweite Weltkrieg mit der unerhörten Machtentfaltung der Sowjetunion steigerte dann besonders in den USA und in der Bundesrepublik das Interesse an der Geschichte Osteuropas, so dass heute das Fach an den meisten Universitäten der USA und der BRD vertreten ist.

Die Osteuropa-Forschung in der Schweiz hinkte hinter der allgemeinen Entwicklung um einige Schritte hinterher. Die Slavische Philologie, die etwa in Oesterreich und Deutschland schon vor dem Ersten Weltkrieg eine erste Blüte erreicht hatte und die an den meisten Universitäten als Schrittmacher für das Fach Osteuropäische Geschichte wirkte, wurde bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts sehr stiefmütterlich behandelt. Die Osteuropäische Geschichte musste bis in die 60er Jahre warten, bis sie als Studienfach in eine Schweizer Universität einzog, obwohl etwa mit Fritz Lieb in Basel oder Valentin Gitermann in Zürich schon früh Spezialisten vorhanden gewesen wären.

Der Zweite Weltkrieg brachte auch in der Schweiz die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Osteuropa allmählich zum Bewusstsein. Im Zeichen des Kalten Krieges wählte man jedoch als Ansatzpunkt nicht die Erforschung der Geschichte, sondern die politische Aufklärung über die Gegenwart des Kommunismus. So entstanden das sich der Sowjetideologie widmende "Osteuropa-Institut" in Fribourg und das ebenfalls unter antikommunistischem Vorzeichen gegründete "Schweizerische Ost-Institut" in Bern.

Den ersten Ansatz zur Etablierung der Osteuropäischen Geschichte an einer Schweizer Universtität machte Basel, wo 1967 das Slavistik-Extraordinariat des durch zwei Arbeiten zur russischen Geschichte hervorgetretenen Rudolf Bächtold auf die Osteuropäische Geschichte ausgedehnt wurde, die damit Prüfungsfach wurde. An der Universität Zürich wirkten nach dem Zweiten Weltkrieg die auf Osteuropa spezialisierten Privatdozenten Alexander von Schelting (russische Geistesgeschichte), Jean E. Halpérin (neuere russische Wirtschafts- und Sozialgeschichte) und Werner G. Zimmermann (neuere Geschichte Südosteuropas). Im Herbst 1971 wurde in Zürich der erste Schweizer Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte geschaffen, auf den Carsten Goehrke berufen wurde.

Auf das Sommersemester 1991 wurde auch in Basel das mit dem Rücktritt Rudolf Bächtolds aufgehobene Extraordinariat für Geschichte Osteuropas neu etabliert und mit Heiko Haumann besetzt.

Die Osteuropäische Geschichte beschäftigt sich mit einem historischen Raum, der mehr als die Hälfte der gesamten Fläche Europas einnimmt. Den Kern des Fachs bildet die Geschichte der slavischen Völker, die den grössten Teil Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas bewohnen; dazu kommen die baltischen Völker, die Ungarn, Rumänen und Albaner. Finnland und Griechenland werden teilweise ebenfalls mit einbezogen.

Als Aufgaben für unser so lange vernachlässigtes Fach wären zu nennen: die Integrierung Osteuropas in das westliche Geschichtsbild; die Aufdeckung von Klischeebildern über Osteuropa und seine Geschichte auf der einen, die Korrektur der zum Teil einseitigen (nationalistischen, bis 1990 auch marxistisch-leninistischen) Geschichtsschreibung der Osteuropaländer auf der anderen Seite; die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Ost- und Westeuropa; die vergleichende Untersuchung historischer Phänomene in Ost- und Westeuropa sowie speziell die Wechselbeziehungen zwischen der Schweiz und Osteuropa.