Forschung

Habilitationsprojekt

Gekauft, konvertiert, in Dienst genommen. Venezianische Sklavinnen und Sklaven zwischen Tana und dem Veneto (ca. 1300 - 1500)

Die Habilitationsschrift stellt eine im dreifachen Sinne „dezentrierende Geschichte“ (Natalie Z. Davis) Venedigs dar. Zum ersten werden die verschiedenen geographischen Schauplätze venezianischer Sklaverei zwischen Tana, Kreta, Konstantinopel, der dalmatischen Küste und dem Veneto als „glokal“ miteinander verflochtene Orte unfreier Arbeit zwischen Asien und Europa in den Blick genommen und lassen so ein neues Venedigbild entstehen. Zum zweiten führt die Erforschung konkreter Orte venezianischer Sklavenarbeit (Haushalt, Handel, Handwerk, Ammenwirtschaft, Sexgewerbe) zu einer Revision herkömmlicher Vorstellungen einer auf den Adel und das Grossbürgertum der Städte beschränkten weiblichen Haussklaverei. Zum dritten lässt die Untersuchung der Handlungsmacht und Handlungsträgerschaft (agency) von Versklavenden und Versklavten in ihrem alltäglichen Wechselverhältnis eine Sozialgeschichte der Sklaverei entstehen, die sich von bisherigen Sklavereigeschichten der Händler, Käufer und Besitzer substantiell unterscheidet.

In einem ersten Hauptteil werden zunächst entlang typischer Lebensstationen venezianischer SklavInnen (von der Versklavung bis zu Freilassung) in mikrologischer Nahsicht Miniaturgeschichten erzählt, die sich aus einer Vielzahl individueller Überlieferungsschnipsel zu einer Art Mosaik zusammensetzen und dabei in der Zusammenschau vieler Einzelschicksale nicht nur den Regelfall vom Sonderfall unterscheidbar machen, sondern auch die Vielfalt möglicher Szenarien für venezianische SklavInnen sichtbar werden lassen. Diese bruchstückhaften Momentaufnahmen aus der Zeit zwischen 1300 und 1500 und aus dem Raum von Tana bis in den Veneto, werden sodann in einem zweiten Hauptteil in eine longue durée-Perspektive gesetzt und zu Konjunkturen venezianischer Sklavereigeschichten verknüpft. Durch die raumzeitliche Verortung der Miniaturgeschichten können übergeordnete sozioökonomische Trends sichtbar gemacht werden, die im Ergebnis zu einer dreifachen Dezentrierung venezianischer Sklaverei führt. So lassen sich erstens durch die Linse des venezianischen Sklavengeschäfts geografische Schwerpunktverlagerungen vom Kinderhandel im Adriaraum über die aktive Siedlungspolitik in der Kolonie Kreta bis zur politischen Unterwerfung des Veneto nachzeichnen. Die diachrone Verortung der Einsatzmöglichkeiten für SklavInnen im städtischen Haushalt, im Handwerksbetrieb, im Sexgeschäft oder an repräsentativen öffentlichen Orten und ihre Korrelierung mit der Situation anderer Unfreier oder Angestellter in der Seerepublik ermöglicht zweitens eine Einordnung venezianischer Sklavenarbeit in den breiteren Kontext einer Geschichte unfreier Arbeit. Und die Herausarbeitung von Verdichtungsmomenten gerichtlicher Verfahren gegen SklavInnen kann drittens zum Seismographen für den inneren Zusammenhalt der venezianischen Gesellschaft werden.